Das Zimbelkraut hat Haare.

Warum haben Pflanzen Haare?

An einem Vormittag im Oktober bin ich mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf den Balkon hinausgegangen, um einen Rundgang zu machen und nach dem Rechten zu sehen.  Ein Blumenkasten mit vielen kleinen Pflänzchen des Mauer-Zimbelkrauts (Cymbalaria muralis) auf der Ostseite, wurde gerade von der Herbstsonne beschienen und im Gegenlicht leuchteten Härchen auf den Blättchen eines Zimbelkraut-Sämlings (siehe Titelbild).

Haare am Zimbelkraut waren mir noch nie aufgefallen. Ich stellte meinen Kaffee beiseite und holte meinen Fotoapparat, um diese zarte Erscheinung schnell festzuhalten, denn die Sonne scheint nur kurz auf diesen Kasten und wandert dann weiter in Richtung Süden. Pflanzen haben Haare, das wusste ich natürlich, und ich habe sie auch schon oft fotografiert. Aber ich habe mich von allen Pflanzenteilen bisher vor allem mit den Blüten als Nahrungsquelle für Insekten beschäftigt und Haare als gegeben hingenommen, ohne mir weiter über sie Gedanken zu machen. In dem Moment, als die Haare des Zimbelkrauts so schön beleuchtet waren, wurde ich neugierig und beschloss nachzuforschen, wofür dieses Pflanzenkind seine Haare benötigte.

„Es herrscht eine große Mannigfaltigkeit“

Ich fand zunächst heraus, dass Pflanzenhaare in der Botanik „Trichome“ heißen, dass sehr viele Pflanzen Haare besitzen und diese die unterschiedlichsten Formen haben. Im „Lexikon der Biologie“ von spektrum.de steht dazu: „In der Ausgestaltung der Haare und in der damit gekoppelten Funktion herrscht eine große Mannigfaltigkeit. Sie können lebend oder abgestorben, ein- oder mehrzellig, verzweigt oder rein haarförmig, borstenförmig, papillös, schuppen-, warzen-, blasen- oder köpfchenförmig gestaltet sein.“

Die Bilder von den unterschiedlichen Haarformen, die man dazu auf einschlägigen Seiten findet, machen einem sofort klar, dass man hier ein eigenes Universum betritt, gefüllt vom unendlichen Erfindungsreichtum der Natur. Es gibt Sternhaare, Drüsenhaare, Fühlhaare usw. Die meisten von uns haben sicher schon Bekanntschaft mit den Brennhaaren der Brennnessel gemacht. Hier ein kleiner Ausschnitt aus der großen Vielfalt, den ich in der Bildersammlung von Wiki-Commons gefunden habe: „Behaarung der Loganiaceae“ (Brechnussgewächse).

Hans Solereder: Loganiaceae in: Engler, Prantl (eds.): Die natürlichen Pflanzenfamilien [...] IV. Teil. 2. Abteilung Leipzig, W. Engelmann
Quelle Hans Solereder: Loganiaceae in: Engler, Prantl (eds.): Die natürlichen Pflanzenfamilien […] IV. Teil. 2. Abteilung Leipzig, W. Engelmann; 1892 – 1985.

So unterschiedlich und vielfältig wie die Formen, sind die Funktionen der Trichome: Manche Haare schützen die  Pflanze vor zu starker Wasserverdunstung, andere Pflanzen hingegen unterstützen mit ihren Haaren die Wasserverdunstung, manche kletternde Pflanzen sichern sich mit Widerhaken am Ende ihrer Haare so ab, dass sie nicht abrutschen können, und zum Schutz vor dem Gefressenwerden dienen sowohl sehr borstige, stechende Haare als auch Drüsenhaare, die ätherische Öle ausscheiden, die hungrigen Fressfeinden nicht schmecken.

Haare auf dem Wilden Meter

Nun war mein Forschergeist geweckt und ich wollte herausfinden, zu welchem Zweck die Pflanzen auf dem Wilden Meter ihre Haare brauchen.  Gefunden habe ich dann allenfalls die Beschreibung, dass eine Pflanze Haare hat. Im KosmosNaturführer „Was blüht denn da?“ steht zum Beispiel bei der Großblütigen Königskerze: „Pflanze filzig behaart.“ Beim Klatschmohn ist vermerkt „Blütenstiele abstehend borstig behaart“ und bei der Kornrade ist zu lesen „Pflanze seidig behaart“. Auch im „Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands“ beschränkt sich die Auskunft auf die Beschreibung der Beschaffenheit und nennt beispielsweise als eines der Merkmale der Wald-Witwenblume „Mitte des Stg. borstig behaart“. Das Mauer-Zimbelkraut ist bei uns nur eingebürgert und war so leider in keinem Werk meiner bescheidenen Botanik-Bibliothek vertreten.

Die wissenschaftliche Auflösung

Nachdem ich nun nirgends die erhoffte Information finden konnte und davor zurückscheute, Spezialliteratur zu Trichomen zu erwerben, wendete ich mich schließlich doch an Dr. Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München. Ich wollte ihn zunächst eigentlich nicht mit den Fragen einer autodidaktisch aktiven Balkonbesitzerin belästigen, aber jetzt war die Neugier stärker. Die Antwort erklärte den Informationsmangel in der Fachliteratur: „Nur bei wenigen Pflanzen ist die genaue Funktion der Haare bekannt.“ Und war für mich doch sehr erstaunlich. Der Mensch war also schon auf dem Mond, weiß aber nicht, warum Pflanzen Haare haben.

Zum Zimbelkraut konnte mir der Wissenschaftler auf jeden Fall noch einen Tipp geben: „Cymbalaria hat, wie fast alle Vertreter der Ordnung Lamiales, Haare. Meist dienen sie als Fraßschutz, bei einigen Pflanzen auch zur Wasseraufnahme und als Verdunstungsschutz. Da Cymbalaria aus dem Mittelmeergebiet stammt, dürften die Haare evtl. dem Wasserhaushalt dienen.“

In meinem Bildarchiv habe ich nun für diesen Artikel unter dem ganz neuen Aspekt „Pflanzenhaare“ gesucht. Ein paar Beispiele von behaarten Pflanzen auf dem Wilden Meter möchte ich hier noch zeigen.

Gewöhnliche Ochsenzunge (Anchusa officinalis)
Gewöhnliche Ochsenzunge (Anchusa officinalis)

 

An den Haaren am Stängel lassen sich Witwenblumen von Skabiosen unterscheiden.
Wald-Witwenblume (Knautia dipsacifolia)

 

Klatschmohn
Klatschmohn (Papaver rhoeas)

 

Kornrade (Agrostemma githago)
Kornrade (Agrostemma githago)
Großblütige Königskerze (Verbascum densiflorum)
Großblütige Königskerze (Verbascum densiflorum)
Spinnweb-Hauswurz (Sempervivum arachnoideum)
Spinnweb-Hauswurz (Sempervivum arachnoideum)
Wald-Habichtskraut (Hieracium sylvaticum)
Wald-Habichtskraut (Hieracium sylvaticum)

 

 

Quellen und Links zu mehr Informationen:

Lexikon der Biologie: Haare
Wikipedia-Eintrag: Trichome
Biologie-Seite: Pflanzenhaare
Dr. Andreas Fleischmann, Botanische Staatssammlung München

Kosmos-Naturführer (2010): Was blüht denn da? Der Fotoband.
Haeupler, H. / Muer, T. (2007, 2. Auflage): Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands, Ulmer Verlag

1 Kommentar zu “Warum haben Pflanzen Haare?

  1. Wirklich interessant und sehr treffend ausgedrückt! Den Mond hat der Mensch schon besucht, aber vieles, was vor unserer Nase stattfindet, wissen wir nicht. Ich mag auch die Haare am Borretsch sehr! Ich werde jetzt mal genauer hinsehen. Vielleicht findest du ja noch was heraus zu einzelnen Pflanzen und sei es durch eigene Forschung auf dem Balkon 🙂

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