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Studie: Pestizide an Insekten in wertvollsten Naturschutzgebieten nachgewiesen

Malaisefallen-Fang zur Erforschung von Pestiziden an Insekten in Naturschutzgebieten. © EVK, license creative commons 4.0

Zu Weihnachten wünscht man sich wahrlich bessere Nachrichten. Der Entomologische Verein Krefeld, bekannt geworden mit einer aufrüttelnden Studie zum Ausmaß des Insektensterbens in Deutschland (2017), hat gestern eine neue Untersuchung veröffentlicht. Erforscht wurde, ob und welchen Pestiziden unsere Insekten in Naturschutzgebieten ausgesetzt sind. Das Ergebnis: Die Insekten sind mit einer Vielzahl von Pestiziden belastet. Die Wissenschaftler vermuten als Quelle der giftigen Chemikalien die konventionelle Landwirtschaft in der Nähe der Schutzgebiete. Meine Weihnachtsbitte an Leserinnen und Leser: Kaufen Sie öfter Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft! So können Sie einen Beitrag zur Reduzierung der Agrargifte und gegen das Insektensterben in Deutschland leisten.

Lesen Sie nun im Folgenden die Pressemeldung des Entomologischen Vereins Krefeld zur Studie.

Weltweit erstmalig wurden Pestizide in direkter Interaktion mit Organismen in 21 Naturschutzgebieten detektiert. Mit einer neuen Methode, die 92 verschiedene Stoffe erkennt, wurden in den Insektenproben insgesamt 47 verschiedene Pestizide nachgewiesen. Im Mittel 16 Stoffe pro Naturschutzgebiet; die höchste Belastung lag bei 27 verschiedenen Pestiziden an Insekten in einem Naturschutzgebiet. Damit sind die lokalen Insekten mit einer Vielzahl von Pestiziden belastet. Alle Naturschutzgebiete sind gleichzeitig auch Teil des europarechtlich geschützten Natura2000-Netzwerks, also FFH-Gebiete.

Weltweit erstmals wurden mit der Methode der Malaisefallen Pestizidbelastungen direkt an artenreichen Mischproben von Insekten inmitten von Schutzgebieten festgestellt. Die Wissenschaftler der Universität Landau unter Leitung von Carsten Brühl untersuchten den Alkohol in dem die Insekten vor Ort konserviert wurden auf eine Auswahl von 92 Pestizidwirkstoffen und konnten unter diesen insgesamt 47 verschiedene Pestizide nachweisen: Bei den 21 untersuchten Schutzgebieten aus verschiedensten Regionen Deutschlands wurden in den Insektenproben im Durchschnitt 16 Pestizide pro Gebiet und im Maximum sogar 27 verschiedene Pestizide in einem Naturschutzgebiet ermittelt. Diese Untersuchungen erfolgten im Rahmen des vom BMBF geförderten, interdisziplinären Forschungsprojektes DINA – Diversity of Insects in Nature protected Areas.

Die verwendete, standardisierte Fangmethode für Insekten – sogenannte Malaisefallen – wurden bekannt durch Forschungsprojekte des Entomologischen Vereins Krefeld, die den gravierenden Rückgang von Insektenbiomassen und Artenvielfalt während der letzten Jahrzehnte auch in Schutzgebieten belegt haben. Hierbei werden Insekten die sich am Standort der Falle bewegen, in einer zeltartigen Konstruktion erfasst und direkt vor Ort in Alkohol konserviert. Dieser Alkohol in der Fangflasche ist gleichzeitig ein Lösungsmittel für viele Chemikalien, die sich außen oder innen an den Insektenkörpern befinden.

Forschungsobjekt: Insektenfang einer Malaisefalle
Forschungsobjekt: Insektenfang einer Malaisefalle – unsichtbar auf dem Foto: verschiedene Pestizide

Besonders betont werden muß, das es sich bei den untersuchten Naturschutzgebieten gleichzeitig um sogenannte FFH-Gebiete handelt, die Bestandteile des europäischen Schutzgebietssystems Natura2000 mit dementsprechenden Schutzzielen sind. Die Biotope selbst, in denen diese pestizidbelasteten Insekten gefangen wurden, sind höchst wertvolle Lebensräume, die gemäß dieser Richtlinie der Europäischen Gemeinschaft streng geschützt sind. Vom orchideenreichen Kalkmagerrasen bis hin zu seltenen Silikatmagerrasen reicht hier die Palette der nach EU-Recht geschützten Biotope, deren charakteristische Insektenarten Pestizide „mit sich tragen“.

Unter diesen befinden sich Insektizide, die eigentlich dazu dienen mit Breitbandwirkung verschiedenste Insekten zu töten und in niedrigen Konzentrationen deren Fitness reduzieren können. Herbizide, die Pflanzen dezimieren aber je nach Wirkstoff ebenso wie bestimmte Fungizide auch direkt oder indirekt negative Einflüsse auf bestimmte Insekten ausüben können. Über die Kombinationswirkungen ganzer Cocktails verschiedener Pestizide und deren Metaboliten auf Insekten weiß man noch viel zu wenig. In den Zulassungsprüfungen wird im Regelfall nur auf Einzelwirkstoffe geprüft.

Mailsfallen in einem Natura-200-Schutzgebiet
Malaisfallen in einem Natura2000-Schutzgebiet. © EVK, license creative commons 4.0

Pestizidquelle konventionelle Landwirtschaft

Zum Verständnis, wie dies denn inmitten von Schutzgebieten passieren kann, bietet eine Raumanalyse des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung unter Leitung von Gotthard Meinel in dieser Veröffentlichung erste Hinweise: Obwohl es sich bei den 21 Untersuchungsstandorten um ausgesuchte Topstandorte deutscher Naturschutzgebiete handelt, liegen sie inmitten einer Agrarlandschaft mit konventionell pestizidbehandelten Äckern ohne jede Pufferzone an deren Rändern oder sogar mitten in den Schutzgebietsflächen. Der ermittelte Radius zu Ackerflächen der in dieser Raumanalyse am besten zu dem Nachweis von Pestiziden an Insekten korrelierte betrug ca. zwei Kilometer. Dies ist also ein erster Hinweis auf das Umfeld in dem eine ausreichende, seriöse Risikoanalyse vor Ort stattfinden, und ein Risikomanagement mit geeigneten Maßnahmen nach dieser neuen Publikation stattfinden sollte.

„Aussterbe-Ereignisse werden kommenden Generationen vererbt.“

Die Koautoren vom Entomologischen Verein Krefeld, Thomas Hörren und Dr. Martin Sorg äußerten sich zu diesem Zusammenhang wie folgt:

„Die aktuelle Veröffentlichung wirft auch eine ganze Reihe von Fragen auf. Zum einen nach einer ausreichend qualifizierten, interdisziplinären Naturschutzforschung – wenn solche Daten erstmals im Jahr 2021 aufgedeckt werden. Noch viel mehr allerdings nach einer vernünftigen, wissenschaftsbasierten Raum- und Landschaftsplanung – denn bis heute ist biodiversitätsfördernder Ackerbau ohne Pestizideinsätze sowohl innerhalb als auch am direkten Rand neben wertvollsten Schutzgebieten eine Ausnahmeerscheinung.

Um von dieser Ausnahme zum notwendigen Regelfall zu werden, bedarf es allerdings geeigneter, heute nicht ausreichend existierender Konzepte und Förderprogramme für die angepasste, landwirtschaftliche Bewirtschaftung. Dazu natürlich einer raumplanerischen Neuausrichtung auf wissenschaftlicher Basis. Zumindest auf exemplarischer Forschung basierende Planungen müssen lineare Schutzgebietsgrenzen „reformieren“ zu wirksamen, gestaffelten Schutz- und Pufferzonen und hierbei interdisziplinär Risikofaktoren berücksichtigen.

Mit dem einfachen, allseits beliebten Gießkannenprinzip kann man nicht auf den dringend notwendigen Schutz der Artenvielfalt in den bedeutendsten Schutzgebieten fokussieren. Vielmehr toleriert man damit fortschreitende, regionale Artenverluste als teilweise irreversible Biodiversitätsschäden. Denn es sind die Schutzgebiete in denen sich im Regelfall die Populationen der regional oder bundesweit vom Aussterben bedrohten Insektenarten befinden. Dies sind daher die Schauplätze der Biodiversitätsschäden, die wir als Aussterbeereignisse im wahrsten Sinne des Wortes „Nachhaltig“ den kommenden Generationen vererben, wenn kein wirksamer Schutz etabliert wird.“

Das Forschungsprojekt DINA (Diversity of Insects in Nature protected Areas) unter Leitung von Prof. Dr. Gerlind Lehmann wird vom BMBF gefördert.

Verwendete Quellen:

  • Brühl et al. (2021): Direct pesticide exposure of insects in nature conservation areas in Germany.-
    www.nature.com/scientificreports
  • Hallmann, C. A. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect
    biomass in protected areas. PLoS ONE. https://doi.org/10.1371/journal.pone.01858 09
  • Hallmann et al. (2021): Insect biomass decline scaled to species diversity: General patterns derived
    from a hoverfly community.- Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 118, e2002554117
  • Lehmann et al. (2021): Diversity of Insects in Nature protected Areas (DINA): an interdisciplinary
    German research project.- Biodivers. Conserv. 30, 2605-2614
  • Webseite zum DINA Forschungsprojekt: https://www.dina-insektenforschung.de

Quelle: Pressemeldung des Entomologischen Vereins Krefeld vom 16. November 2021

Link zur Originalpublikation

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Entomologischer Verein Krefeld e.V. 1905

2 Kommentare zu “Studie: Pestizide an Insekten in wertvollsten Naturschutzgebieten nachgewiesen

  1. Susanne Bartens-Korn

    Das ist im Prinzip alles seit Jahrzehnten bekannt – und es zeugt von bewusster Kollaboration von Behörden und Politik mit der Wirtschaft, dass solche Untersuchungen nicht längst von staatlichen Stellen getätigt wurden und zu entsprechenden Gesetzesänderungen geführt haben.

  2. manchmal möchte man einfach nur noch heulen …

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