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Insekt des Jahres 2022: Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege

Insekt des Jahres 2022: Schwarzhalsige Kamelhalsfliege (Venustoraphidia nigricollis)

Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege (Venustoraphidia nigricollis) ist das „Insekt des Jahres 2022“. Gekürt wurde sie vom Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut Müncheberg in Brandenburg, das weltweit wissenschaftlich tätig ist. Auch auf dem Wilden Meter war schon eine Vertreterin der Kamelhalsfliegen zu Besuch.

Im vergangenen Juni, es war warm und die Balkontür stand weit offen, saß plötzlich ein seltsames Insekt auf meinem gelben Bürosofa. Für mich sah es wie ein Mini-Dinosaurier mit Flügen aus, wie aus einem Märchenbuch entfleucht. Es saß ganz ruhig da und ich hätte mich nicht gewundert, wenn es zu mir gesagt hätte: „Hallo, ich bin eine verzauberte Fee, du hast drei Wünsche frei!“ Ich habe das wundersame Wesen mit einem leeren Glas gefangen, meinen Fotoapparat geholt und das Glas in den Topf mit einer Glockenblume gestellt. Das Insekt war immer noch ganz ruhig, spazierte dann ganz gemächlich heraus, blieb sehr lange auf einem Blatt sitzen, wo ich es in aller Ruhe fotografieren konnte. Als ich einen kurzen Moment wegschaute, war es verschwunden.

Die Biologen, denen ich die Fotos zur Bestimmung gezeigt habe, sind sich nicht ganz sicher und auch nicht einig, welche Art bei mir zu Besuch war. In der näheren Auswahl sind Ratzeburgs Kamelhalsfliege (Puncha ratzeburgi) und die Gelbgezeichnete Kamelhalsfliege (Xanthostigma xanthostigma), eine weitere Anfrage läuft noch. Ich habe meine Besucherin erst mal Nessie getauft.

Gelbhalsige Kamelhalsfliege (Xanthostigma xanthostigma)
Nessi, die Kamelhalsfliege auf dem Wilden Meter

Ein auffallend langer Hals, glasklare Flügel und eine Größe von sechs bis 15 Millimetern kennzeichnen alle Kamelhalsfliegen (Raphidioptera). Aus den vielen fossilen Funden lässt sich ableiten, dass die Insekten zu Lebzeiten der Dinosaurier in viel größerer Vielfalt auf der Erde vertreten waren. Heute gelten diese Tiere als die artenärmste Ordnung der Klasse der Insekten; weltweit sind nur etwa 250 Kamelhalsfliegen-Arten bekannt.

„In Mitteleuropa sind es bislang 16 beschriebene Arten – eine davon ist unser ‚Insekt des Jahres 2022‘: die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege – Venustoraphidia nigricollis. Lange Zeit galt diese Art als eine der seltensten Kamelhalsfliegen – bis man erkannte, dass sich die adulten Tiere mit dem charakteristischen schwarzen Halsschild überwiegend in der Kronenschicht von Bäumen aufhalten“, erläutert Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg.

In Deutschland sind bisher zehn Kamelhalsfliegenarten nachgewiesen, davon neun in Bayern (siehe Rote Liste unten). „Die zehnte Art ist in Bayern nicht zu erwarten, sie kommt in Deutschland nur im äußersten Nordwesten vor“, erklärt Axel Gruppe, AG Entomologie und Lehrstuhl Zoologie der Technischen Universität München. Insgesamt sei das Vorkommen der Arten leider nur lückenhaft bekannt. Das liege zum Einen daran, dass sich wenige Entomologen um diese Tierchen kümmern, zum Anderen an der kurzen Lebenszeit der ausgewachsenen Insekten (eine bis wenige Wochen). Die Larven dagegen leben meist zwei bis drei Jahre auf und unter der Rinde von Bäumen.

Sämtliche Kamelhalsfliegen sind in allen Lebensstadien Landbewohner. Die geschlechtsreifen Insekten sind tagaktiv und ernähren sich häufig von Blatt- und Schildläusen. Bei einer ausreichenden Populationsdichte können rindenlebende Kamelhalsfliegen-Larven als „Gegenspieler“ von Schadinsekten, wie beispielsweise den Borkenkäfern, nützlich sein. „Trotz ihrer gut entwickelten Flügel sind die Tiere dennoch keine guten Flieger, sondern bewegen sich eher schwirrend, hüpfend oder flatternd und nie über große Strecken“, erklärt Schmitt.

Lebende Fossilien

Die Verbreitung der Kamelhalsfliegen ist auf Teile der Nordhemisphäre beschränkt, da sie für ihre Entwicklung einen deutlichen Temperaturabfall benötigen, wie er beispielsweise im mitteleuropäischen Winter stattfindet. Aus den vielen fossilen Funden kann man dagegen schließen, dass die Insekten in der Erdgeschichte viel weiter verbreitet und artenreicher waren. „Der Einschlag des Meteoriten zum Ende der Kreidezeit, vor etwa 66 Millionen Jahren, machte dann nicht nur den Dinosauriern den Garaus – die daraus folgenden klimatischen Veränderungen ließen ausschließlich die kälteadaptierten Formen der Kamelhalsfliegen überleben“, sagt Schmitt. „Deren Aussehen ähnelte aber dem der heutigen Arten bereits sehr. Man kann die Kamelhalsfliegen daher auch als ‚lebende Fossilien‘ bezeichnen.“

Obwohl die Kamelhalsfliegen in Mitteleuropa potenziell alle Wälder und Parks oder Gärten besiedeln können, gibt es doch aus vielen Gebieten keine Nachweise. „Noch nicht!“, hofft Schmitt. „Die meisten der mitteleuropäischen Arten kann man aufgrund von Fotografien bestimmen – das wäre eine spannende Aufgabe für Bürgerwissenschaftler!“

Insekt des Jahres

Das Insekt des Jahres wird seit 1999 proklamiert. Die Idee hierzu stammte vom Holger Dathe, dem damaligen Leiter des Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts in Müncheberg. Ein Kuratorium, dem namhafte Insektenkundler und Vertreter wissenschaftlicher Gesellschaften und Einrichtungen angehören, wählt jedes Jahr aus verschiedenen Vorschlägen aus.

Nachtrag

Etwa vier Wochen nach meiner ersten Begegnung mit einer Kamelhalsfliege konnte ich in der Oberpfalz auf dem Grundstück meiner Mutter wieder eine fotografieren. Sie landete auf einem orangefarbenen Rasenmäher, sagte freundlich Hallo, wartete, bis ich meinen Fotoapparat geholt hatte und flog davon.

Kamelhalsfliege, Mittlere Oberpfalz
Die Rasenmäher-Kamelhalsfliege wurde von Prof. Horst Aspöck aus Wien als Gefleckte Kamelhalsfliege (Phaeostigma notata) bestimmt.

Quelle: Pressemeldung Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung vom 29. November 2021 und eigene Ergänzungen
Titelfoto „Schwarzhalsige Kamelhalsfliege“: Harald Bruckner

Mehr Informationen:

Insekt des Jahres (Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut)

Alle Jahreswesen 2022 auf einen Blick (NABU)

H. ASPÖCK & U. ASPÖCK (20.3.2009): Raphidioptera – Kamelhalsfliegen. Ein Überblick zum Einstieg. In: Entomologica Austriaca 16, 53-72. Linz (DIE Experten für Kamelhalsfliegen!)

Forschung Rote-Liste-Zentrum: Neuropteren

Netzflügler: Rote Liste und Gesamtartenliste Bayern

8 Kommentare zu “Insekt des Jahres 2022: Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege

  1. Rainer1954

    Schwarzhalsige Kamelhalsfliege in Bad Salzuflen (OWL) gesichtet

    • Wilder Meter

      Hallo Rainer, auf dem Balkon? Herzliche Grüße, Katharina

      • Rainer1954

        Nein, das Insekt lief auf der Fassade herum. Mir fiel der lange „Hals“ auf.
        LG Rainer

  2. Ein schöner Beitrag! Ich wußte gar nicht, daß es so viele verschiedene Tierchen davon gibt. Bislang kannte ich es nur aus einem meiner Insektenführer. Ich fand immer, daß es etwas urzeitlich aussieht, habe es mir allerdings größer vorgestellt. Jetzt hoffe ich sehr, daß mir so ein Exemplar nächstes Jahr begegnet, auch wenn die Chancen hier im Norden vielleicht etwas schlechter stehen. Das ihr in Bayern 9 von 10 Arten habt, finde ich doch etwas ungleich verteilt 😉 Tolle Fotos dieses seltsamen wie faszinierenden Wesens! LG aus Hannover
    Almuth

  3. Wow wie toll! Warum kannte ich das Tierchen denn noch nicht? Schick doch mal eins im kommenden Sommer vorbei, das möchte ich auch beobachten 🙂 Starke Bilder!

  4. Unglaubliches Tierchen. Was es nicht alles gibt!!!! Liebe Grüsse zu dir. Regula

  5. Danke für den sehr interessanten Beitrag. Diese Art habe ich auch nicht gekannt. Was für schöne Flügel sie hat!

  6. Was für ein Foto! Wunderschön ist die Kamelhalsfliege!

Hinweis: Ich freue mich über alle Kommentare und den Austausch mit Leserinnen und Lesern. Leider verschluckt das System aber die Kommentare manchmal und ich muss diese erst nachträglich online stellen. Ich bitte deshalb um Geduld und Verständnis!