Balkonbesuch #2: Bei Lars in Oldenburg

Der zweite Wildpflanzenbalkon in der Serie „Balkonbesuche“ liegt ebenfalls in Niedersachsen. Lesen Sie heute das Plädoyer von Lars aus Oldenburg für mehr Biodiversität im städtischen Raum mit Wildpflanzenbalkonen.

„Mein Interesse für einheimische Pflanzen und Tiere entwickelte sich schon in der Kindheit und im Jugendalter. So überzeugte ich damals meine Eltern, ihren Garten nach und nach in einen Naturgarten umzuwandeln.

Die schnelle Zunahme der Artenvielfalt im Garten war für mich ein faszinierendes Erlebnis. Meine Leidenschaft für die Naturgartenidee war entfacht, musste aber im weiteren Verlauf viele Jahre durch Studium, Beruf und Selbstständigkeit in den Hintergrund treten. 2017 entschloss ich mich, mangels eigenem Garten, meinen sieben Quadratmeter großen Südbalkon mit einheimischen Wildstauden zu bestücken.

Lauche, Sandnelken (Dianthus arenarius), Thymian (Thymus pulegioides), Dost (Origanum vulgare) und Glockenblumen (Campanula rotundifolia)
Lauche, Sandnelken (Dianthus arenarius), Feld-Thymian (Thymus pulegioides), Dost (Origanum vulgare) und Rundblättrige Glockenblumen (Campanula rotundifolia).

 

Siedlungsräume sind wichtige ökologische Rückzugsgebiete

Warum einheimische Wildstauden und keine exotischen oder naturferne Zuchtformen, die man in aller Regel auf Balkonen und Terrassen vorfindet? Weil die exotischen oder naturfernen Zuchtformen außerhalb des komplizierten Gefüges zwischen Pflanzen und Tieren stehen. Insekten, Spinnentiere, Vögel und Säugetiere leben direkt oder indirekt von heimischen Pflanzen und sind auf diese natürlichen Pflanzenformen angewiesen.

Eine ökologische Faustregel besagt, dass von einer Wildpflanzenart rund zehn Tierarten abhängig sind, oft sind es aber auch erheblich mehr. So ernährt der verpönte Wiesenlöwenzahn bis zu 72 Wildbienenarten. Auf der heimischen Wiesenschafgarbe sammeln bis zu 28 Wildbienenarten Pollen, auf der Gartenzuchtform Goldschafgarbe finden sich dagegen nur noch drei Wildbienenarten ein.

Da in unserer Feldflur immer mehr einheimische Pflanzenarten durch Bebauung, Flächenversiegelung und intensive Landwirtschaft bedroht werden, sind unsere Siedlungsräume wichtige Rückzugsorte geworden.

Die Pflanzengesellschaft

So zogen bei mir nach und nach Gemeiner Natternkopf, Disteln, Frühlingsfingerkraut, Wiesensalbei, Karthäusernelke, Wiesenmargerite, Taubenskabiose, Wiesenflockenblume, Rundblättrige Glockenblume, Schnittlauch, Berglauch, Spinnwebenhauswurz, Dost, Lavendel, Thymian, Ysop, Basilikum, Blutweiderich, Zimbelkraut, Lungenkraut, Waldwitwenblume und diverse Ackerwildkräuter auf dem Balkon ein.

Eine Ackerhummel (Bombus pascuorum) im Anflug auf den beliebten Gewöhnlichen Natternkopf (Echium vulgare)
Eine Ackerhummel (Bombus pascuorum) im Anflug auf den beliebten Gewöhnlichen Natternkopf (Echium vulgare).
Der Kriechende Günsel (Ajuga reptans) in voller Blüte
Der Kriechende Günsel (Ajuga reptans) in voller Blüte
Die beiden Balkonkästen mit eingesäten Ackerwildkräutern (Kornblumen, Kornrade, Klatschmohn, Acker-Ringelblumen, Saatwucherblumen, Frauenspiegel u.a.)
Die beiden Balkonkästen mit eingesäten Ackerwildkräutern: Kornblumen, Kornraden, Klatschmohn, Acker-Ringelblumen, Saatwucherblumen, Frauenspiegel und andere mehr.

Die Pflanzen und das Saatgut für die Ackerwildkräuter besorge ich mir bei spezialisierten Wildstaudengärtnereien. Sämtliche genannten Pflanzen funktionieren bei mir dauerhaft in Töpfen und Kästen.

Substrat, Düngung und Bewässerung

Als Substrat verwende ich torffreie Bio-Universalerde von der Firma Ökohum, bei den Asketen (Hauswurz, Berglauch, Karthäusernelke) ein intensives Dachgartensubstrat mit hohem Mineralanteil (VulkaTec Vulkaplus Intensiv 0-16).

Im ersten Jahr der Bepflanzung dünge ich nicht zusätzlich, weil die Substrate anfangs ausreichend Nährstoffe zur Verfügung stellen. Ab der zweiten Saison verwende ich biologischen Flüssigdünger, um den ausgelaugten Substraten Nährstoffe zuzuführen. Diesen gebe ich einmal im Frühjahr und nach einem Rückschnitt spätestens im Juli ein weiteres Mal an die Pflanzen.

Bei den Magerstandortpflanzen halbiere ich die angegebene Dosierung des Flüssigdüngers, bei den übrigen Pflanzen dosiere ich nach Empfehlung des Herstellers. Nach einigen Jahren empfiehlt es sich, die Substrate auszutauschen.

Beim Gießen bin ich relativ zurückhaltend – je nach Witterung, Standort und Pflanzentyp bekommen die Pflanzen ein- bis dreimal wöchentlich Wasser. An sehr heißen Tagen mit Temperaturen über 25 °C gieße ich täglich.

Nisthilfen

Neben den Pflanzen habe ich zwei kleine Nisthilfen für Wildbienen aufgehängt.

Die beiden Wildbienen-Nisthilfen mit Vogelschutzgitter
Die beiden Wildbienen-Nisthilfen mit Vogelschutzgitter

Bei den Nisthilfen ist es wichtig, nur ausgewählte Materialien zu verwenden, damit keine Verpilzungen in den Niströhren auftreten können. Rissfreie Hartholzblöcke und/oder Niströhren aus Tonkin-Bambus (Pseudosasa amabilis), Riesenschilf (Arundo donax) oder Hartpappe haben sich bewährt. Man sollte bei der Anzahl und Größe der Nisthilfen Zurückhaltung üben, um den Parasitendruck an den Nisthilfen möglichst gering zu halten.

Nisthilfen werden nur von wenigen, in aller Regel sehr häufigen Arten besiedelt. Sie dienen keineswegs dem Artenschutz, sondern lediglich der Beobachtung dieser interessanten Insekten und ihrer Gegenspieler. Für den Artenschutz sind der Erhalt natürlicher Habitate und die Bereitstellung vielfältiger Pflanzenarten als attraktives Nahrungsangebot ausschlaggebend.

Vielfalt, Wandel und Schönheit

Neben Wildbienen (Mauerbienen, Scherenbienen und Löcherbienen) und Wespen (Lehmwespen, Keulenwespen, Grabwespen und Wegwespen) konnte ich schon diverse Arten von Vögeln, Schmetterlingen, Schwebfliegen, Schlupfwespen, Hummeln, Käfern, Fliegen, Wanzen, Läusen und Spinnentieren auf meinem Balkon beobachten. Die Beobachtungsmöglichkeiten sind relativ intensiv, weil sie sich im Falle eines Balkons auf eine vergleichsweise kleine Fläche fokussieren.

Es lohnt sich also, auch auf einem Balkon ein kleines Stück „Natur“ zu installieren. Einheimische Wildstauden bestechen durch ihre Vielfalt, durch ihren Wandel im Erscheinungsbild und nicht zuletzt durch ihre Schönheit. Sie bieten zudem über viele Monate ein kontinuierliches Angebot an Pollen und Nektar.

Ein gesellschaftliches Umdenken bezüglich einheimischer Wildstauden und Wildgehölze in Gärten, öffentlichen Anlagen, Gewerbegebieten, auf Balkonen, Terrassen und Dächern wäre für unsere Biodiversität immens wichtig. Die Naturgartenidee ist somit letztlich eine Antwort der Vernunft – aber auch der Seele.“

Ein Blick in die rechtsseitige Ecke des Balkons mit Ackerwildkräutern, Halbschattenkübel und Sumpfkübel.
Ein Blick in die rechtsseitige Ecke des Balkons mit Ackerwildkräutern, Halbschattenkübel und Sumpfkübel.

 

Magerwiesen-Margeriten (Leucanthenum vulgare), Sandnelken (Dianthus arenarius), Wiesenflockenblumen (Centaurea jacea) und Rundblättrige Glockenblumen (Campanula rotundifolia) bieten den Insekten Pollen und Nektar
Magerwiesen-Margeriten (Leucanthenum vulgare), Sandnelken (Dianthus arenarius), Wiesenflockenblumen (Centaurea jacea) und Rundblättrige Glockenblumen (Campanula rotundifolia) bieten den Insekten Pollen und Nektar

Weitere Informationen:

Als Hortusianer CHX berichtet Lars im Hortus-Netzwerk mit Fotos von seinem Projekt „Namenloser Balkon“ im Jahreslauf. Es geht um Pflanzlisten, Erfahrungen, Tipps, das passende Substrat, Winterschutz usw. Man braucht einen Account.
Namenloser Balkon von User CHX

Balkon-Rundgänge als Bewegtbild auf YouTube

Text und Bilder: Lars / CHX

6 Kommentare zu “Balkonbesuch #2: Bei Lars in Oldenburg

  1. Bianca Pesch

    Hallo Lars, sehr hilfreicher Artikel, danke dafür! Ich habe einen zugepflasterten Innenhof mit teils schwierigen Lichtverhältnissen – 4 Meter hohe Mauern ringsum. Seid 3 Jahren versuche ich nun ihn insektenfreundlich zu bepflanzen in allerlei Kübeln und Balkonkästen. Es wird auf den Seiten des Nabu etc. zwar immer beschrieben welche Pflanzen insektenfreudlich sind aber zum passenden Substrat ist nicht viel zu finden. Klar, bio…ohne Torf… mit Sand abmagern…Drainage, um Staunässe zu vermeiden…Aber das richtige Substrat habe ich anscheinend immer noch nicht gefunden, damit meine Wildblumen nicht ins Kraut schießen und widerstandsfähig werden und mehr Blüten und weniger Blätter hervorbringen. Deine Vorschläge werden bei meinen Kästen im nächsten Jahr auf jeden Fall auf dem Einkaufszettel stehen. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und viele glückliche Insekten auf deinem Balkon! Lieben Gruß, Bianca aus dem Rheinland

  2. Hallo Almuth,

    vielen Dank für deine netten Worte!

    Das Dachgartensubstrat bekommst du auch in kleinen Mengen:

    https://www.vulkatec-onlineshop.de/Dachbegruenung/Vulkaplus_Intensiv/530000003.html

  3. Spannend zu lesen, wie hier an die Balkongestaltung herangegangen wird. Die Kästen mit den Wildblumen gefallen mir besonders gut und den Tip mit der Anzahl der Nisthilfen für Wildbienen werde ich zukünftig im Auge behalten. Das Dachgartensubstrat finde ich interessant. Bekommt man das denn in kleinen, balkontauglichen Mengen? Wir brauchen mehr solcher Oasen. Wie man an den Fotos gut erkennen kann, steht der Balkon mit seiner Artenvielfalt in Kontrast zum übrigen Garten. Umso mehr freue mich über jeden naturnahen Balkon. Schön!

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