Wetten, dass …?

Keinen Pfifferling hätten wir mehr gegeben auf den Käfer, als wir ihn während einer Kaffeepause entdeckten. Gefangen von einer halb so großen Spinne, die ihn sorgfältig an unsere Hauswand fesselte.

Durch das Makro-Objektiv meines Fotoapparats sah ich ihre professionelle Taktik. Einige Beine klebten schon mit Spinnenseide an der Wand fest, an der Fixierung der weiteren Beine arbeitete sie gerade. Dann spann sie immer weiter Fäden um den Körper des Käfers, krabbelte zurück zu einem Röhrchen meiner Bewässerungsanlage, wo der Faden verankert wurde. Das ging so weiter, bis der schwarze große Käfer absolut unbeweglich aussah. Sehr geschickt machte das die kleine Spinne, zügig, gelenkig, geübt. Der Käfer dagegen wirkte behäbig, grobschlächtig, hilflos, schicksalsergeben. Ein Fühler war auch schon am Körper festgeleimt, der andere bewegte sich noch ein wenig. Irgendwie mitleidserregend, auch wenn das der normalste Alltag ist im Zusammenleben von Spinnen und Insekten im Allgemeinen und auf meinem Balkon im Besonderen. Dann verschwand die Spinne.

Wir warteten gespannt. Wären wir bei Wetten dass … ? gewesen, hätte ich gewettet, dass der Käfer sich auf keinen Fall jemals wieder befreien kann. Und dann … Drei Minuten dauerte es ungefähr. So wie man das aus dem Tatort kennt, wenn der Kommissar niedergeschlagen und gefesselt wurde, aber dann durch stetige kleine Bewegungen die Stricke an den Handgelenken immer mehr lockert, bis er sich schließlich heldenhaft befreit. Der Käfer ruckelte etwas hin und her und maschierte schließlich von den klebrigen Fäden gelöst leicht torkelnd davon.

Ein klarer Fall für die Jungs aus dem Forum europäischer Spinnentiere (https://forum.arages.de). Tobias bestimmte zunächst die Spinne: „Wahrscheinlich Theridion melanurum, ganz sicher aus diesem Dunstkreis (T. betteni, mystaceum, melanurum, asopi…).“ Eine Kugelspinne also. Im Wiki des Spinnenforums steht zu der Art Theridion melanurum, dass sie „in Mitteleuropa und Nordeuropa normalerweise an und in Häusern (z. B. an Fensterrahmen (Roberts M. J. 1995))“ vorkommt. Das passte.

Fesseln, vergiften, aussaugen

Zum Beutefang der Kugelspinnen ist dort zu lesen: „Falls ein Beutetier ins Netz gelangt, eilt die Kugelspinne herbei und bewirft die Beute, vorzugsweise deren Gliedmaßen, großzügig mit weiterer Spinnseide.“ Aha, genau, das habe ich durch das Makro beobachten können. Und weiter im Wiki: „Nachdem die Beute weitgehend immmobilisiert ist, folgen einer oder mehrere Giftbisse. Das Gift ist sehr stark und wirkt, zumindest bei Arthropoden, sehr rasch. (…) Sobald die Beute gelähmt ist, wird sie von der Kugelspinne in ein Versteck oder einen Rückzugswinkel innerhalb des Netzes geschleppt. Dabei zeigen die Spinnen teilweise erstaunliche Leistungen. So schaffen sie es, ein Tier mit dem Vielfachen des eigenen Körpergewichts mithilfe ihrer Spinnseide anzuheben und längere Strecken durch das Netz zu befördern. Dabei wird das eingesponne Tier an einem Faden befestigt und mithilfe des hintersten Beinpaares transportiert. Die Beute wird anschließend ausgesaugt.“

Unser Käfer wurde aber keineswegs ausgesaugt, sondern ist weggelaufen. Hat die Spinne ihn dann gar nicht gebissen? Er war ja weder gelähmt noch tot. Oder hat das Gift nicht ausgereicht? Oder ist der Käfer irgendwo auf der Flucht gelähmt zu Boden gegangen, als er für mich schon außer Sichtweite war? Etwas motorisch angeschlagen wirkte er durchaus.

Die Geschichte nahm bei der Sympathieführung bald eine unerwartete Wende, als ich durch Internetrecherchen selbst herausfand, um welchen Käfer es sich handelte: den Gefurchten Dickmaulrüssler (Otiorhynchus sulcatus). Oh weh, oh weh! Blöde Spinne, warum lässt du dir diese Beute durch die Lappen gehen??? Dickmaulrüssler legen gerne Eier in meinen Wilden Wein, daraus werden Larven, die die Wurzeln verspeisen. Die Brut habe ich vor ein paar Jahren schon mal ausgegraben und an die Amseln verfüttert. Die paar Blätter, die der Dickmaulrüssler bei mir futtert, seien ihm vergönnt, aber die ganze Erde im Topf des Wilden Weins wieder komplett austauschen zu müssen … seufz.

Mit etwas Spinnenseide am linken hinteren Bein …
… krabbelte er von dannen.

 

Dickmaulrüssler lässt Killerspinne alt aussehen

Zurück mit allen Neuigkeiten ins Forum. Zuerst antwortete mir Roman: „Bei solchen Rüsselkäfern habe ich schon Agelena labyrinthica aufgeben sehen, und das sind sonst richtige Killertypen. Stockrosen sind bei uns ziemlich bevölkert von Rüsselkäfern; die ebenfalls dort hausenden Linyphia triangularis lassen sie indes aus dem Netz davonkrabbeln. Nicht zu knacken? Stinkend?“

Dann meldete sich auch noch einmal Tobias mit einer Analyse: „Ich wäre jetzt davon ausgegangen, dass der nicht unbedingt wieder entkommt. Theridion beißt ein kleines Loch (manchmal auch mehrere) in die Beute, durch die Gift und Verdauungssekrete injiziert werden und die Beute auch ausgesaugt wird. Zurück bleibt dann ein mehr oder weniger intaktes Außenskelett. Die Arten erbeuten so oft auch recht hartschalige Insekten, die dann an entsprechenden Stellen (z. B. in die Gelenkhäute) gebissen werden. Rüsselkäfer sind auf der anderen Seite eine der am stärksten gepanzerten Käferfamilien. Vielleicht fand die Spinne einfach keine passende Stelle zum beißen, die Angeschlagenheit kann auch vom Rumstrampeln kommen.“

Auf den Videos (siehe unten) erkennt man, so meine ich jedenfalls, wie sie versucht, den Rüsselkäfer ins Bein oder in den Bauch zu beißen. Vielleicht ist sie einfach verschwunden, weil es ihr nicht gelungen ist und hat das gefesselte Opfer seinem Schicksal überlassen und nicht wieder losgebunden.


Der Fleischkonsum der Spinnen

Übrigens: Spinnen fressen jährlich zwischen 400 und 800 Millionen Tonnen an Fleisch. Zum Vergleich — der Fleischverbrauch der Menschen liegt bei rund 400 Millionen Tonnen pro Jahr. Das haben die beiden Wissenschaftler Martin Nyffeler (Universität Basel) und Klaus Birkhofer (Universität Gießen) berechnet und Anfang des Jahres 2017 in der Zeitschrift Science of Nature veröffentlicht. Dickmaulrüssler tragen offensichtlich nicht zu diesem Volumen bei.

Informationen über die Spinne:

Theridion melanurum im Wiki des Forums für europäische Spinnentiere

Informationen über den Käfer:

Der Gefurchte Dickmaulrüssler auf Wikipedia

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