Aufregung: Giftspinne auf meinem Balkon?

Ha, Löwenzahn im Staudenkasten, der muss da raus, dachte ich mir und wollte gerade in die Blätter fassen. Da sah ich, dass da „etwas“ sitzt. Huch. Her mit dem Makroobjektiv (siehe Bild oben)! Eine Spinne also, aber welche?

Ich hatte schon mal eine Braune Kugelspinne mit Kindern auf dem Wilden Metern, das Tier im Löwenzahnblatt war mir aber unbekannt. Es waren Gespinnstfäden zu sehen. Baut sie ein Nest?

Im Internet landete ich mit den Suchbegriffen „grünliche Spinne“ und „Gespinst“ bald bei der Ammen-Dornfingerspinne (Cheiracanthium punctorium), „neben der Wasserspinne die einzige mitteleuropäische Spinne, deren Biss für den Menschen medizinisch relevante Folgen haben kann“, wie Wikipedia wusste. Die Kieferklauen dieser Art sehen auf Fotos beeindruckend aus. Was, wenn ich die jetzt samt Löwenzahnblättern gepackt hätte? „Bei Störungen schnellt sie mit weit geöffneten Cheliceren vor und versucht zu beißen.“ (Wikipedia) Als Hypochonder bin ich umgehend Mitglied im „Forum europäischer Spinnentiere“ geworden (Link siehe unten) und habe dort um Hilfe bei der Bestimmung gebeten.

Das Internet ist einfach toll! Innerhalb einer Stunde wusste ich dank engagierter, freundlicher und geduldiger Forumsexperten, um welche Spinne es sich nicht handelt. Zuerst schrieb mir Stephan:

„Erstmal Entwarnung! So wie ich das sehe, ist es kein Ammen-Dornfinger. Es gibt mehrere kleine Dornfinger-Arten (Spinnen der Gattung Cheicaranthium) in Deutschland, deine Spinne ist eine davon, welche kann ich anhand der Fotos nicht sagen. (…) Und selbst wenn es der Ammen-Dornfinger wäre. Das Ganze in Super-Kurz-Form: Nicht giftiger als ein stechendes Insekt in Deutschland, nicht eingeschleppt, sondern eine heimische Spinne und die wenigstens Bissberichte können wirklich auf die Spinne zurückgeführt werden, beisst Menschen, wenn überhaupt, nicht aus bösem Willen. Also nichts Gefährliches, vor dem man Angst haben muss. Also ruhig Blut, die Medien machen da nur ungerechtfertigt Stress und das alle Jahre wieder. Angst musst du auf jeden Fall nicht haben.“

Ich ging wieder hinaus, begrüßte den neuen Gast erfreut. Der hatte sich inzwischen umgedreht und wollte offensichtlich seine Ruhe haben.

Die Mildes Dornfingerspinne

Arno schrieb mir etwas später, dass es wahrscheinlich eine Mildes Dornfingerspinne ist, das würde auch zur „städtischen Fundsituation passen“ und Rainer hatte dazu noch eine sehr interessante Info: „Der bayerische Erstnachweis von Cheiracanthium mildei stammt von einem Wildblumen-Balkon nahe beim Sendlinger Tor in München. Die Fundsituation passt also auch.“ Im Atlas der Spinnentiere Europas (Link siehe unten) sind für die Art in Bayern drei Funde eingetragen, meine wäre die vierte in Bayern und die dritte in München.

Zur Lebensweise der Cheiracanthium mildei  steht auf Wikipdeia: „Heranwachsende Spinnen leben in Ruhegespinsten. Das sind Rückzugsgebiete für den Tag, die nicht als Fallen gedacht sind. Zur Jagd streifen die Tiere in der Dämmerung und in der Nacht umher. Die genaue Beutetierauswahl ist unbekannt.“ Also bin ich abends alle halbe Stunde mit Taschenlampe auf den Balkon und habe nachgeschaut, ob meine Cheiracanthium noch da ist. Gegen 21:30 Uhr war sie weg. Am nächsten Tag ist sie auch nicht wieder gekommen. Darüber war ich dann ein wenig enttäuscht.

Gut getarnt ruhte die Spinne zwischen Feldthymian, Knäuelglockenblume und Gelber Skabiose, während diese von Bienen und Hummeln besucht wurden.

Nun wollte ich gerne noch ein bisschen mehr über meinen Besuch erfahren: War das nun eine heranwachsende Spinne, die in einem Ruhegespinst lebt und nachts bei mir auf Jagd geht? Ich habe noch einmal im Forum um Informationen gebeten und folgende Antwort von Arno erhalten:

„Hiesige Spinnen sind meist einjährig. Das gilt auch für die meisten südeuropäischen Arten. Dein Tier ist vielleicht auch schon ausgewachsen, oder zumindest subadult (also eine Häutung vor dem Adult-Stadium).

Die Gespinstsäcke machen sie immer, sowohl als Jungtiere, als auch als Erwachsene. Ein reifes Weibchen, dass genug gefressen hat, baut einen größeren Gespinstsack und legt darin ihre Eier ab. Sie verlässt diesen Sack dann nicht mehr und verteidigt ihn sogar gegen Eindringlinge. So kommen die meisten Bissverletzungen mit Ch. punctorium zustande.

Gespinstsäcke sind weit verbreitet bei frei jagenden Spinnen. Nachtaktive Arten bauen Gespinste, um sich tagsüber zu verstecken, tagaktive Arten solche für nachts. Das ist eine praktische Angelegenheit: Schmutz, Krankheitserreger, Schimmel usw. bleiben draußen, Eindringlinge können frühzeitig erkannt werden und die Spinne kann fliehen oder Angreifen. Das ganze zu bauen kostet die Spinne vielleicht 15 Minuten und kaum Material.

Ob die Spinne mehrfach in das gleiche Gespinst zurückkehrt, weiß ich nicht genau. Das kann schon sein, wenn z. B. in der Umgebung wenig passende Schlupfwinkel vorhanden sind. Darauf angewiesen ist sie auf jeden Fall nicht. Wenn es sein muss, kann sie immer wieder einen neuen Sack anlegen.“

Die beiden Löwenzahnblätter waren mit den Gespinnstfäden zusammengeklebt. Schon hatte die Spinne einen Unterschlupf. Praktisch!

Ich möchte den aktiven Mitarbeitern des Forums herzlich danken, mir als Laien so freundlich und ausführlich weitergeholfen und die Genehmigung zur veröffentlich der Forumsbeiträge erteilt zu haben.

Nachtrag vom 9. Juli – Heute habe ich noch eine Antwort von Wolfang aus dem Spinnenforum bekommen, die auch sehr informativ ist und die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Ich grüble seit mehreren Tagen erfolglos, was der Wikipedia-Autor mit dem ersten der zitierten Sätze gemeint haben könnte (…). Wenn man das auf eine andere Art übertragen wollte, könnte man schreiben: „Heranwachsende Menschen leben in Betten“. Da kaum damit zu rechnen ist, dass viel Nahrung in die nicht als Falle gedachte Bettstatt hereinspaziert kommt, ginge das Heranwachsen eher langsam vonstatten.

Ruhegespinste für den Tag werden jedenfalls auch von den Erwachsenen angelegt. Dazu Bilder: Ein erwachsenes mildei-Männchen hat den 1. Juni 2010 praktischerweise in einem Schlafsack draußen an meinem Wohnzimmerfenster verbracht, so dass ich durch die Scheibe fotografieren konnte. Es machte sich in der folgenden Nacht davon und kam niemals wieder.

Wenn man die Spinne so detailreich fotografieren kann wie auf Katharinas Bildern, sitzt sie in einem Schlafsack und denkt noch nicht ans Eierlegen. Die Kokons werden möglichst blickdicht gebaut; wenn man die Spinne in einen Glaskasten setzt, immer in eine Ecke. Dazu auch Bilder. Im Freiland habe ich noch keinen Kokon gefunden, der für alle Öffentlichkeit sichtbar gewesen wäre, da werden möglichst versteckte Winkel und Spalten aufgesucht.

Ich habe mal beobachtet, dass ein halbwüchsiges Tier drei Tage und zwei Nächte ununterbrochen eingesponnen an derselben Stelle verbrachte; dass dieselbe Schlafstelle nach dem nächtlichen Streifzug wieder aufgesucht wird, habe ich nie gesehen – was natürlich nicht heißt, dass es das nicht gibt.

Was die Altersgruppen angeht: die früheste Eiablage bei Ch. mildei habe ich in Stuttgart am 20. April beobachtet , die späteste am 1. August. Reife Männchen gibt’s ab April (eines ausnahmsweise auch schon Mitte März) bis Ende Juni. Subadulte habe ich bis Mitte Mai gesehen. Im März laufen viele auf meiner Hauswand rum, die noch erheblich kleiner sind. Anscheinend überwintern Erwachsene nicht.

Hier die Links zum Forum und den Spinnen-Informationen auf Wikipedia:

Forum europäischer Spinnentiere

Direkter Link zum Beitrag: Grünliche Spinne auf Münchner Südbalkon

Atlas der Spinnentiere Europas: Mildes Dornfinger

Wikipedia: Mildes Dornfingerspinne

Wikipedia: Ammen-Dornfinger

 

 

 


0 Kommentare zu “Aufregung: Giftspinne auf meinem Balkon?

Hier können Sie den Beitrag kommentieren