Es flattert (Teil 2): Der Stieglitz

Den ersten lebenden Stieglitz (Carduelis carduelis) habe ich hier auf meinem Balkon mitten in München gesehen, in der Nähe der Donnersberger Brücke, einer der meistbefahrenen Straßen Europas. Das ist erwähnenswert, weil zum Futterhaus meiner Mutter in der Oberpfalz im Winter sehr viele verschiedene Arten kommen und aus der Nähe zu bestaunen sind. Der Stieglitz, auch bekannt als Distelfink, ist nicht darunter. Vielleicht liegt es an der lebensfeindlichen giftsprühenden konventionellen Landwirtschaft, die inzwischen auch in meinem Dorf Einzug gehalten hat.

(Exkurs: Meine Großeltern haben ihre Felder noch mit der Hand gehackt, um das Unkraut unter Kontrolle zu halten. Heute fahren bedrohlich große Traktoren und andere landwirtschaftliche Maschinen durch die Straßen, so breit, dass man als Radfahrer oder Fußgänger oft nur die Wahl hat zwischen Umgefahren werden oder der Flucht in den Straßengraben.)

Dass Stieglitz und konventionelle Landwirtschaft sich nicht vertragen, ist offenkundig. In der Begründung des Nabu, warum er zum Vogel des Jahres 2016 gewählt wurde, liest man: „Der Stieglitz gehört zu den buntesten und gleichzeitig beliebtesten Singvögeln in Europa. Kaum eine andere Art steht so für die Vielfalt und Farbenpracht unserer Landschaften. Doch die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und die Bebauung von Brachflächen rauben dem Stieglitz die Nahrungs- und Lebensgrundlagen. Es wird enger für den farbenfrohen Distelfinken.“

Einige Besonderheiten zeichnen die Vögelchen aus. Frau Stieglitz und Herr Stieglitz sehen sich sehr ähnlich und sie singen das ganze Jahr bis auf die Zeit der Mauser. Im Gegensatz zu den Grünfinken trillern sie aber nicht so oft im Flug. Sie sind etwas kleiner und leichter und sie schwatzen gern, auch beim Fressen. Es klingt perlend, plätschernd, leicht, zart, lebensfroh. Mein Schwager Gunther, ein Freund und Kenner einheimischer Vögel, hat einmal über den Gesang gesagt: „Wenn man den Stieglitz einmal gehört hat, wird man das nie wieder vergessen.“

Stieglitz-Steckbrief auf dem Wilden Meter

Besuchszeit: Juni bis Juli. Schon vorher hört und sieht man Herrn Stieglitz singen. Manchmal singt er auf einer Antenne direkt gegenüber. Die gehört ihm ganz alleine, andere Antennen in Sichtweite des Wilden Meters teilen sich Amseln und Grünfinken als Singwarten.

Leibspeise: Der Stieglitz ist Vegetarier, er ernährt sich von halbreifen und reifen Sämereien. Nur zur Brutzeit frisst er auch kleine Insekten, hauptsächlich Blattläuse. Obwohl ein breites Angebot von Wildpflanzen auf dem Wilden Meter vorhanden ist und er sich von rund 150 Wildkräuterarten ernährt, hat er es bei uns nur auf die Kornblumensamen abgesehen. Die Disteln und Wilden Karden, die ich jedes Jahr für ihn pflanze und über den Winter nur für ihn im Topf habe, hat er bisher ignoriert. Da muss es irgendwo mehr oder Besseres geben. Noch bevor wir die Stieglitze auf dem Balkon sehen, können wir meistens an abgeknickten Kornblumenstängeln sehen, dass Besuchszeit ist. Sie kommen noch nicht, wenn nur eine Kornblume verblüht ist.  Wieviele Blüten es sein müssen und wieviele Tage die Samen gereift haben müssen, damit es ihren kulinarischen Vorstellungen entspricht, bleibt ihr Geheimnis …

Charakteristik: … auf einmal sind sie da. Oft auch zu viert (siehe unten), manchmal auch zu fünft mit einem Grünfink. Wir sitzen dann in der Wohnung, schauen hinaus, wie sie auf den Kornblumen herumturnen und -schaukeln, hören ihnen beim Stieglitz-Tisch-Gezwitscher zu und fühlen uns ziemlich geehrt, dass man uns beehrt. Gestern summte dazwischen noch eine dicke Hummel herum, ein Meter Idylle mitten in der lauten Stadt.

Nabu-Video zum Stieglitz: Vogel des Jahres 2016

 

Nachtrag vom 27. Juni: Ein Stieglitz hat heute zum ersten Mal anderes als Kornblumen verkostet, und zwar die Samen der Waldwitwenblume.

Arten-Porträts:

Stieglitz, der Vogel-des-Jahres 2016 bei Nabu: Vogel des Jahres 2016
Wikipedia-Eintrag: Der Stieglitz
Website mit deutschen Vogelstimmen: Stieglitz hören

Fortsetzung – Es flattert (Teil 1): Der Grünfink

9 Kommentare zu “Es flattert (Teil 2): Der Stieglitz

  1. Hurra, seit gestern kommen die Stieglitze auch zu uns (ebenfalls Nähe Donnersberger Brücke) und holen sich die fast verblühten Lavendelsamen. Grünfinken tauchen öfter mal auf.

  2. Da bin ich doch ein bißchen neidisch – bei meinem Hofbalkon gibt es mittlerweile mehr Krähen als sonstige Vögel, nicht einmal die Meisen schauen mehr vorbei. ich werde mich doch noch mal intensiver mit der Bepflanzung auseinandersetzen! Vielen Dank für das Zeigen der tollen Fotos und die liebevolle Beschreibung der Besucher!

  3. Immerhin ist es ein weiterer Vogel, der lernt, welche Lebensräume ihm auch etwas zu bieten haben, wenn es auf dem Land draussen zu unerträglich wird.Gewerbegebiete sind schließlich auch schon Zufluchtstätten für alle möglichen Wildtiere. Ein Armutszeugnis für’s Land, leider.

  4. Pingback: Es flattert (Teil 1): Der Grünfink – Wilder Meter

  5. Brigitte

    Wirklich hübsch, der kleine Vogel. Ich frage mich nur, warum es die Grünfinken und Stieglitze nicht zu mir in den neunten Stock schaffen. Aber man kann sie ja leider nicht fragen. Vielleicht habe ich hier rings ums Haus auch zu viele „gepflegte Grünflächen“; kaum wagt sich eine Blume vor, wird ja schon der Rasenmäher aktiviert. Draufsetzen auf die Grünfläche darf man sich auch nicht, das sieht dann auch so unangenehm belebt aus. Also liegt der kurzgeschnittene Rasen eben quadratmeterweise nutzlos in der Gegend rum. Oft denke ich, was man hier für ein Eldorado schaffen könnte für die Blumen und Insekten und Vögel. Denn offensichtlich finden die das Stadtleben gar nicht so schlecht. Das ist wirklich alles so traurig mit unseren Landschaften. Dein Blog macht wirklich Lust auf einen anderen Blickwinkel und auf ein anderes Handeln. Weiter so.

  6. Das ist ein sehr lieber Kommentar zu diesen netten kleinen Vögeln. Ich frage mich immer, ob die bei mir das ganze Jahr über für mich unsichtbar auf dem Dach sitzen, um dann sofort zu erscheinen, wenn an den Disteln die Samenstände braun werden.
    Aber der Bericht stimmt ebenso traurig. Nichts für ungut – aber an der Donnersberger Brücke möchte ich nicht wohnen, mit Rücksicht auf meine Lungen und mein Gehör. Aber den Vögeln erscheint’s immer noch besser als unsere hingehunzte „ländliche Umgebung“, sogar in vielen „Schutz“gebieten.

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