Emmis drittes Auge

„Ist Emmi da?“ fragte ich meinen Mann heute Vormittag vom Schreibtisch aus, als die Altweibersommersonne warm auf München und das Oktoberfest schien. „Ja, sie hängt wieder an der Wand“, antwortete er. Seit die Tage kürzer werden und die Sonne tiefer steht, zeigt uns die kleine Eidechse, was sie alles so drauf hat, um auch im Herbst noch genügend Wärme abzubekommen.

Nachdem die Sonne nun tiefer steht als im Sommer, treffen die Strahlen nur kurze Zeit noch den Holzrost, bald wärmen sie aber die Hauswand. Dann klettert Emmi einfach hoch. Obwohl die Wand weiß ist, scheint dort also dann der wärmste Platz zu sein. Sie kann wie ein Gecko einfach senkrecht die Wand hoch und runter laufen auf der unebenen Hausmauer. Somit wäre wohl geklärt, wie sie in den fünften Stock gekommen ist.

Ich hatte ja irgendwo doch die leise Befürchtung, dass sie ein Vogel gepackt und abgeworfen hat oder dass sie verträumt immer weiter hoch gestiegen ist, nun aber nicht mehr alleine runter kommt. So wie manche kleinen Katzen von der Feuerwehr vom hohen Baum gerettet werden müssen. So wäre Emmi eventuell gar nicht freiwillig da, sondern würde bei uns festsitzen. Ganz schön naiv, meine Überlegungen, wie ich nun seit ein paar Tagen weiß. Emmi geht, wohin sie will, und hängt in der Sonne, wo sie will.

Die Kopf-nach-oben-Position. Manchmal klettert sie nur so weit.

 

Nach einiger Zeit dreht sie sich meistens zur Seite – damit auch überall schön die Sonne hinkommt?

 

Manchmal macht sie auch yoga-ähnliche Verrenkungen, sie krümmt dann den Rücken, stellt sich auf die Zehenspitzen oder hebt mal das hintere rechte Bein …

 

… oder auch das linke Bein. Ich stelle mir das so vor, wie man sich völlig ausgekühlt nach einem Winterspaziergang bei Eiseskälte an einem Kachelofen wärmt, mal vorne, mal hinten.

 

Die Schnellfüßige

Jedenfalls kann man sie nun viel auf dem Balkon herumlaufen sehen, so zwischen 10:30 Uhr und 14:30 Uhr. Vorher war sie länger da, aber meistens nur beim Sonnenbaden zu sehen. Jetzt ist sie viel mehr in Bewegung. Rauf auf die Mauer, kurz sonnen, runter auf den Holzrost, eine Runde drehen, dann vor zur Metallumrandung der Küchenbalkontür, wieder kurz sonnen, wieder lostrippeln und hinter den großen Blumenkübeln verschwinden. Der Gattungsname der Mauereidechsen, Podarcis, kommt vom griechischen Wort podarkés, schnellfüßig. Das versteht man, wenn man sie jetzt in Aktion sieht.

Emmis drittes Auge

Die tägliche Aktivität, die Thermoregulation und den Jahreszyklus steuert eine Art drittes Auge oben auf dem Kopf unter der Epidermis, das sogenannte Parientalauge. Es dient als Lichtsinnesorgan zur Wahrnehmung von Helligkeitsunterschieden. Die aufgenommenen Lichtreize werden dann zur Epiphyse weitergeleitet, wodurch Hormone ausgeschüttet werden, die dann die Jahresaktivität der Eidechse entsprechend steuern. Das alles erklärt Ulrich Schulte im Büchlein über die Mauereidechse, das mir von Jürgen Gebhart empfohlen wurde (siehe Beitrag von gestern: Emmi – Fragen über Fragen). Er berichtet außerdem, dass Mauereidechsen  bis September häufig zu beobachten sind, dann seltener und  je nach Region und Standort bis Oktober oder sogar bis November. Wir werden berichten.

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