Emmi will hoch hinaus

Eidechsen lösen bei mir Urlaubsgefühle aus. Auf den kanarischen Inseln La Palma und Teneriffa, wo ich schon sehr häufig schöne Wanderurlaube verbracht habe, sind diese Reptilien allgegenwärtig. Sie liegen überall in der Sonne und flüchten, wenn man ihnen zu nahe kommt, zum Beispiel mit dem Fotoapparat. Oft sieht man gerade noch den Schwanz verschwinden und hört dabei das Rascheln der trockenen Bananenblätter. Beim Wandern begleitet einen das leise Rascheln ständig entlang des Weges. Das Geräusch gehört zu den Inseln wie die würzige Luft und der Meerblick.

Als mein Mann vergangenen Samstag mit hoch erfreuter Stimme auf dem Balkon rief „Eine Eidechse!“, dachte ich mir: „Der will mich veräppeln!“ Ich hatte immer wieder bedauert, dass bei uns im fünften Stock keine größeren wilden Tiere wohnen. Dann wieder: „Oh, ein Eidechslein!“ Da ging ich dann sicherheitshalber doch schnell hinaus auf den Balkon und da saß dann unglaublicherweise wirklich eine kleine Eidechse. Ich konnte sogar den Fotoapparat holen und ein Bild von ihr machen, bevor sie sich schließlich unter dem Holzrost verkroch. Jetzt herrschte helle Aufregung auf dem Wilden Meter! Eine Eidechse! Wahnsinn! Eine Eidechse im fünften Stock! Juchuh, juchuh!

Erstes Fahnungsfoto.

Münchnerin mit Migrationshintergrund

Dank des Fahndungsfotos konnten wir sie als Mauereidechse (Podarcis muralis) bestimmen und hatten damit eine heiße Spur. Wie wir schon länger wissen, lebt an der Donnersberger Brücke in etwa 700 Meter Entfernung eine sogenannte allochthone Mauereidechsen-Population, eine gebietsfremde Population, die durch den Menschen eingeführt wurde. Oft sind wir dort schon vorbeigegangen und haben die Eidechsen selbst beobachtet. Wie der Eidechsenforscher Jürgen Gebhart auf der Fachseite www.lacerta.de berichtet, ist diese Population laut einer Veröffentlichung von Ulrich Schulte mittlerweile seit fast 20 Jahren bekannt und bereits im Jahr 1998 genetisch untersucht worden. Es handelt sich demnach um Podarcis muralis maculiventris W und Podarcis muralis nigriventris IIDas W bei P. m. maculiventris-W steht für West, das heißt, es handelt sich hier um Nachfahren eingeschleppter Tiere aus Tirol, dem Trentino, der westlichen Poebene sowie des westlichen Liguriens. Die römische II bei P. m. nigriventris-II weist den Tieren Vorfahren zu, die am Nordhang des Apennins lebten, die aber molekulare Charakteristika von P. m. maculiventris-Ost aufweisen, also von Mauereidechsen-Populationen des Friauls und der östlichen Poebene in Italien und von Populationen aus NW-Kroatien und Südslowenien. Um es nicht zu kompliziert zu machen, es handelt sich grob zusammengefasst um unfreiwillig eingewanderte Italiener.

Blinde Passagiere in Orangenkisten

Insgesamt waren laut Schulte im Jahr 2008 ingesamt 72 gebietsfremde Populationen der Mauereidechse in Deutschland bekannt, davon drei in München: in Aubing am westlichen Bahnhof Langwied, am Südbahnhof und eben an der Donnersberger Brücke. Bei allen dreien nimmt er an, dass es sich um eine „Verschleppung mit Frachtgut“ handelt. Nur 12,7 Prozent der allochthonen Vorkommen seien dabei in Deutschland auf Verschleppungen durch den Güterverkehr zurückzuführen. Der größte Teil mit rund 83 Prozent beruht auf der Freisetzung von Eidechsen durch Terrarienbesitzer.

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei unserer Eidechse um ein Tier von der Donnersberger Brücke handelt. Wenn man die durchschnittliche Lebenszeit von vier bis sechs Jahren zugrunde legt, dann sind die Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großeltern unserer Mauereidechse auf irgendwelchen Obst- und Gemüseplantagen aus Versehen mit Tomaten, Oliven oder Orangen verpackt worden oder vielleicht auch bei ihrer Siesta auf einem sonnenbeschienenen italienischen Eisenbahnwaggon zu spät abgesprungen. Die Eidechsen an der Donnersberger Brücke haben sich laut Schulte bis zum Botanischen Garten und nach unserer Beobachtung auch schon in den Arnulfpark hinein ausgebreitet. Sie sind dort beim Sonnenbad auf den Sitzbänken nur etwa 100 Meter von unserem Haus zu beobachten.

Wie diese Eidechse jetzt ausgerechnet auf den Wilden Meter kam, bleibt wüste Spekulation. Wurde sie von einem Vogel auf dem Dach fallen gelassen? Hat sie die fünf Stockwerke erklommen, weil sie hier einige wichtige Dinge vorfindet, die Mauereidechsen auf der Checkliste für Wohnraum haben?* Spärlicher Pflanzenbewuchs mit Insekten, die als Nahrung dienen, warme freie Flächen zum Sonnenbaden, Schlupfwinkel, keine Konkurrenz auf dem Territorium. (Wenn es ein Weibchen sein sollte, wie wir meinen, würde allerdings noch ein Sandkasten zur Eiablage fehlen.) Würde sie bleiben?

Acht Tage mit Emmi

Wir haben unsere Eidechse Emmi getauft, mit der Option einer Umbenennung auf Emilio, sollte es doch ein Mann sein. An allen Tagen mit Sonnenschein haben wir Emmi seitdem gesehen. Sie hat ziemlich feste Gewohnheiten. Sie sonnt sich auf verschiedenen Plätzen, bis zum frühen Nachmittag. Dann verschwindet sie. Wir wissen aber nicht, wohin. Am nächsten Morgen geht es weiter mit dem Sonnenbad. Sätze wie „Schatz, du kannst nicht raus auf den Balkon, Emmi ist da.“ gehören inzwischen zum Tagesablauf. Lehrbuchmäßig kommt Emmi aber immer recht bald wieder an ihren Sonnenbadeplatz zurück, wenn sie sich verkriecht, weil wir ihr zu nahe kommen.

Ich habe die Fotos von Emmi an die zwei Eidechsenspezialisten Gebhart und Schulte geschickt, mit der Bitte das Geschlecht zu bestimmen. Wir hoffen, dass sie wenigstens noch ein bisschen bleibt, gerne auch langfristig und sehr gerne auch mit weiteren Freunden. Dann haben wir dauerhafte Urlaubsstimmung auf dem Wilden Meter, der wilden Insel im Münchner Innenstadtverkehr. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Wolf aus dem Bayerischen Wald.

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* Mein Mann hat spaßeshalber ausgerechnet, dass Emmi bei einer senkrechten Hausbesteigung über 10 Meter – vom Boden bis zum fünften Stock – eine physikalische Kletterarbeit von rund 0,5 Joule verrichtet hat (zugrundegelegtes Körpergewicht 5g). Dies entspricht der Mündungsenergie einer gerade noch gesetzlich zugelassenen Softairwaffe.

Sonnenbad am Vormittag auf einem Stück Balkonumrandung auf der Ostseite. Mal sieht man den Kopf …
… mal den Schwanz. Je nachdem welche Körperseite gerade gewärmt wird.

 

Ab Mittag sonnt sie sich dann auf sonnigen Stellen auf dem Holzlattenrost in der Loggia.

 

Und so gegen 14:00 Uhr auf der Metallfassung der Balkontür, wenn die Sonne dorthin scheint.

 

 

Quellen und weiterführende Informationen zur Mauereidechse:

Gebhart, Jürgen: Mauereidechsen an der Donnersberger Brücke, lacerta.de (Mai 2009)

Schulte, Ulrich et. al: Allochthone Vorkommen der Mauereidechse (Podarcis muralis) in Deutschland, Zeitschrift für Feldherpetologie 15 (Oktober 2008)

Mauereidechsen-Porträt der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e. V. (DGHT)

Broschüre: Mauereidechse Reptil des Jahres 2011

NABU-Steckbrief: Die Mauereidechse

Wikipedia-Eintrag: Mauereidechse

Eidechsen und Geckos auf Teneriffa

3 Kommentare zu “Emmi will hoch hinaus

  1. Hallo,
    ich verfolge eure Website seit einiger Zeit. Ich finde es sehr interessant, dass sich eine Eidechse „Emmi“ bei euch wohl fühlt. Aber wird sie auf dauer genug zu fressen finden? Hoffentlich. Vielleicht habt ihr im nächsten Jahr schon Junge 😉 Bin gespannt wie es auf eurem münchner Balkon weitergeht.
    Auf jeden Fall kann man mit wenig Platz ganz schön viel erreichen – wie man bei euch sieht.
    Weiterhin spannende Erlebnisse wünscht euch
    Birgit

  2. So eine tolle Geschichte

  3. Britta Kramps

    Wunderbar so etwas auf dem heimischen Balkon zu erleben. Danke für die Recherche und Information. Erstaunlich, wie sich Tiere Ihre Umwelt erobern.

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