Ein kurzes Leben mit viel Arbeit und fiesen Feinden

„Der größere Teil der Menschen (…) beklagt sich über die Missgunst der Natur, nämlich dass wir nur für eine kurze Lebenszeit geboren werden und dass so schnell und stürmisch die uns gegebene Lebensfrist abläuft,“ beginnt der römische Philosoph Seneca sein Werk Von der Kürze des Lebens (Quelle: Wikipedia). Was sollen da erst die Bienen sagen?

Vier bis acht Wochen lebt eine weibliche Mauerbiene, nach dem Schlüpfen und der anschließenden Begattung. Das erste Weibchen der Gehörnten Mauerbienen, das bei uns am 17. März geschlüpft ist, ist nun also schon sechs Wochen alt oder vielleicht bereits tot. In dieser – aus Menschensicht – kurzen Lebensspanne sind die Bienenweibchen allein für die Nachkommenschaft und so für die Erhaltung ihrer Art verantwortlich. Die Männchen sterben noch früher, bald nach der Paarung, haben dafür aber auch keine weiteren Pflichten.

Bröcklein für Bröcklein Lehm holt die Bienenmama herbei und mörtelt damit fürsorglich das Nest zu.

Wenn man die „schwangeren“ alleinstehenden Bienenfrauen beobachtet, scheint es einem, als würden sie sich selbst unter Zeitdruck fühlen. Sobald ein Röhrchen zugemörtelt, also das Nest verschlossen ist, fangen sie noch in derselben ´Sekunde an, ein weiteres Röhrchen zu suchen, in dem sie mit der Eiablage fortfahren können.

Die Arbeit

Kurz zusammengefasst mörtelt die Biene zuerst eine Rückwand, trägt Nektar und Pollen ein, legt ein Ei darauf, mörtelt eine Zwischenwand, trägt Nektar und Pollen ein, legt ein Ei darauf usw. Hinten ins Röhrchen kommen die Töchter, vornehin die Söhne, die zuerst schlüpfen werden. Am Ende des Röhrchens bleibt eine Zelle leer – vielleicht zum Schutz vor gefräßigen Meisen oder Parasiten – dann mörtelt sie das Röhrchen zu. Während dieser Tätigkeit gibt es für die Biene keine Pause, außer in der Nacht.

Aus dem Ei schlüpft bald eine Larve, die Nektar und Pollen frisst, sich verpuppt und sich noch im Sommer zu einer fertigen Biene verwandelt. Die bleibt dann in ihrem Kokon bis zum nächsten März sitzen und dann geht es wieder von vorne los.

Verlorene Tage

Für die Biene ist jeder Tag mit niederigen Temperaturen, an dem sie nicht arbeiten und keine Eier legen kann, ein verlorener Tag. So wie die vergangenen fünf Tage hier in München. Da sitzt die kleine Einsiedlerbiene dann kältesteif, aber geschützt in einem Röhrchen und wartet auf besseres Wetter. Aus meiner Sicht sind das gute Tage, da hat sie frei, und kann einfach so dasitzen, in die Welt schauen. Vielleicht sitzt die Biene aber ganz ungeduldig oder traurig im Nest und hasst den kalten Regen, weil sie viele Kinder hinterlassen will. Ich würde es gerne wissen, was sie darüber denkt.

Die Feinde

Dieses Foto wurde auf dem Wilden Meter am Montag gemacht. Die Tage vorher und nachher war es für einen Ausflug zu kalt.

Ist es dann endlich warm genug, um wieder zu arbeiten, warten böse Feinde draußen in der milden Frühlingsluft. Einmal die Meisen. Diese Räuber und Wegelagerer kommen jeden Tag auf unseren Balkon, um Bienen zu fressen. Heute habe ich eine halbe Biene gefunden. Die andere Hälfte hat wohl eine Meise gefuttert.

Die anderen Tierfeinde haben es fieserweise auf die Nahrung für die Bienenbrut abgesehen, kleine Taufliegen. Sie warten – hinterlistig und faul, wie ich meine – zuhauf in der Nähe der Röhrchen (siehe Bild) und legen ihre Eier in die Brutzelle, wenn die fleißige Biene unterwegs ist, um Pollen und Nektar für die eigene Brut zu sammeln. Die Fliegenlarven fressen den Bienenlarven das Futter weg und nagen noch ein Loch in den Ausgang, aus dem sie dann als fertige Fliege später rausfliegen werden. Mieser Charakter, oder?! Damit kommt man sowohl bei den Menschen als auch bei den Tieren durchs Leben. Ich muss gestehen, dass ich – obwohl ich im vorletzten Beitrag noch den gewaltfreien Schnappi gelobt habe – nicht immer den Dingen ihren Lauf lasse. Wenn ich zufällig neben einer Nisthilfe stehe und eine feindliche Taufliege in Sicht ist, versuche ich sie zu erschlagen. Das ist einfach der Beschützerinstinkt meinen Bienen gegenüber. Ich bitte um Verständnis.

Das richtige Leben

Übrigens fand Seneca (4 v. Ch – 65 n. Ch.) das menschliche Leben nicht kurz. Er war der Meinung, dass die Menschen nur ihre Zeit verschwenden, weil sie nicht richtig lebten. Richtig sei es, das Leben der Muße und der Philosophie zu widmen. Heute könnte man sagen: Chillen und nachdenken. Eine schöne Ausgabe von Senecas Werk in der Übersetzung  von Gerhard Fink und einem Postskriptum von Durs Grünbein findet man in der Bibliothek der Lebenskunst von Suhrkamp: Die Kürze des Lebens.

Die wissenschaftliche Darstellung der Lebensweise solitärer Bienen und ihrer Feind findet man wie immer bei Paul Westrich:
Die Lebensweise solitärer Bienen und Gegenspieler

Hier noch ein paar Bilder vom Montag, dem letzten warmen Tag, aufgenommen an der Nisthilfe aus Eschenholz:

Die Biene links oben mörtelt gerade das zweite Röhrchen von links in der obersten Reihe zu…
…Kaum ist sie zufrieden mit ihrem Werk, fliegt sie wieder vor der Nisthilfe herum und sucht nach dem nächsten passenden Röhrchen.
Sie entscheidet sich dafür, zuerst das Röhrchen links neben dem anderen Nest zu besichtigen. Meistens inspiziert eine Biene mehrere Räumlichkeiten, bis sie etwas findet, das ihren Qualitätsansprüchen entspricht. Hierfür wird aus meiner Sicht verhältnismäßig viel Zeit und Sorgfalt aufgewendet, wenn man bedenkt, dass die Biene nicht viel Zeit hat und sonst pausenlos durcharbeitet. Aber nachdem die Brut allein ohne Betreuung und Fürsorge und später auch verwaist zurückbleibt, hängt von der richtigen Wahl des Nestortes wahrscheinlich viel ab.

 

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