Ein Käferdrama: Nichts für schwache Nerven

Dies ist ein Asiatischer Marienkäfer, der gerade eine Blattlaus gefressen hat, habe ich vor ein paar Tagen am Ende des Beitrags „Kriechender Badteppich“ geschrieben. Was ich damals noch nicht wusste: Von der Blattlaus ernährte sich nicht nur der Marienkäfer. Gestern fand ich ihn regungslos auf einem etwa reiskorngroßen Gespinst sitzen. Den Unglückseligen hat ein grausames Schicksal ereilt.

Marienkäfer sind geschickte Räuber, die Milben, Wanzen, Larven oder Blattläuse jagen. Manchmal aber werden sie auch selbst zur Beute. Eine ihrer Todfeinde ist die Marienkäfer-Brackwespe (Dinocampus coccinellae),  ein Parasit. Sie sticht den Käfer in den Bauch und legt ihre Eier in seinem Körper ab. Die Marienkäfer-Brackwespen-Larven wachsen im Käfer und werden von dessen Stoffwechsel miternährt. Zum Beispiel, wenn der Käfer eine Portion schwarzer Blattläuse auf meinem Balkon futtert.

Nach etwa 20 Tagen schlüpft eine Larve, verpuppt sich zwischen den Beinen des noch lebendigen Marienkäfers und benutzt ihn als Schutzschild. Die rote Signalfarbe des Käfers hält Fressfeinde ab. Durch das Makro konnte ich sehen: Der arme Käfer sitzt fest, ab und zu zucken seine Fühler.

Ungefähr eine Woche nach der Verpuppung schlüpfen die Wespen. Diese Brackwespenlarve hat sich irgendwann zwischen dem 9. und 14. Juni verpuppt. Ich werde berichten, ob ich das Schlüpfen beobachten kann.

Reiskorngroßes Gespinst, auf dem der Asiatische Marienkäfer festsitzt.

Zwei gegen einen

Neuere wissenschaftliche Forschungen (siehe Link unten: Who is the puppet master, 2015) kommen zu dem Ergebnis, dass die Wespe ihrerseits instrumentalisiert wird, nämlich von einem Virus, der sich mit ihrer Hilfe vermehrt. Der Vorgang ist ein komplexes biologisches Zusammenspiel zu beiderseitigem Nutzen.

Das Virus lähmt das Nervensystem des Marienkäfers, der nun in Bewegungsstarre an einem Blatt oder Blumenhalm verharrt. Die Wespenlarve hat die Zeit sich zu entwickeln, bis sie durch einen Panzerschlitz aus dem Körper herausschlüpfen kann. Unter dem fixierten Käfer verpuppt sie sich und nutzt ihn nun als Tarn- und Schutzschild.

Beim Verlassen des Käfers trägt die Larve bereits eine neue Generation von Viren in sich. Wenn die Larve sich zur Wespe entwickeln kann, ist natürlich beiden geholfen: der Wespe und den Viren, die die neue Wespe wieder in sich trägt.

Parasitismus scheint weiter verbreitet zu sein, als ich bisher angenommen habe. Man schätzt, dass die Mehrheit aller Lebewesen parasitäre Überlebensstrategien anwendet. Das Verhältnis von Parasiten zu Nicht-Parasiten soll bei 4:1 liegen (siehe Wikipedia). Als Beleg für diesen Hinweis wird ein Buch des Wissenschaftsjournalisten Carl Zimmer angegeben: Parasitus Rex. Die bizarre Welt der gefährlichsten Kreaturen der Natur (Umschau Braus Verlag, Frankfurt am Main 2001). Eine Rezension des Buchs in der FAZ findet sich noch im Internet: „Am schlimmsten ist der Rankenfüßler„)

Laut einer anderen europäischen wissenschaftlichen Studie, die auf Wikipedia genannt wird, werden Asiatische Marienkäfer im Vergleich zu anderen Marienkäferarten sehr selten erfolgreich von der Marienkäfer-Brackwespe befallen, nämlich maximal 14,7 Prozent. Insofern handelt es sich bei dem Zombie-Drama, das sich auf meinem Balkon abspielt, um ein seltenes Phänomen. Vielleicht haben sich Virus und Wespe seit 2010, als die Studie veröffentlicht wurde, einfach schon an die starke Ausbreitung des Asiatischen Marienkäfers angepasst und ihre Strategien erfolgreich geändert?

Hoffnungsschimmer für den roten Räuber

Und am Ende die frohe Botschaft, für alle Zartbesaiteten, die trotzdem bis hierher gelesen haben: „After a week, the adult parasitoid emerges from the cocoon. Some ladybeetles recover from the paralysis, resume feeding and can even reproduce.“ (Proceedings B) Dann macht sich der rote Räuber allerdings wieder auf den Weg, um nicht nur Blattläuse zu fressen, sondern auch unsere einheimischen Marienkäfer!

Postscriptum:

An den Buchenholz-Nisthilfen lungerte heute auch eine Wespe mit Legestachel herum, die höchstwahrscheinlich – wie auch die Schmalbauchwespe (siehe Beitrag: … und ihre Feinde) – eine der Wildbienen-Arten parasitiert, die sich hier gerade munter paaren oder bereits ihre Eier legen, nämlich Maskenbienen, Löcherbienen und Glockenblumenscherenbienen. Im Wespenbuch von Rolf Witt steht, dass die parasitoide Gruppe der Legeimmen viele tausende Arten umfasst. Auf einen Bestimmungsversuch habe ich deshalb aus Zeitgründen verzichtet.

 

Hier die Links zu den Artikeln und Büchern, die ich zu dem Thema gelesen und kurz zusammengefasst habe:

Wikipedia: Marienkäfer-Brackwespe (Dinocampus coccinellae)

Who is the puppet master? Von Nolwenn M. Dheilly et. al. In: Proceedings B, by The Royal Society (2015)

Parasiten – Der Albtraum der Evolution. Von Carl Zimmer. In: National Geographic, Heft 11/2014

Lebenszyklus Dinocampus coccinellae in Fotos

Wespen. Von Rolf Witt (2009), Vademecum Verlag

Nachtrag vom 22. Juni: Wie ging das Drama aus?

Am Dienstag, 20. Juni, gegen 13:00 Uhr, sind wir für zwei Tage weggefahren. Da war der Käfer noch am Leben. Nach rund 48 Stunden sind wir heute wieder zurückgekommen und haben ihn am Gespinst hängend und nach unten baumelnd aufgefunden. Die Brackwespe ist geschlüpft, der Käfer ist tot. Er hat diese physische Strapaze nicht überlebt.

4 Kommentare zu “Ein Käferdrama: Nichts für schwache Nerven

  1. Brigitte

    Hilfe! Da kann man nur hoffen, dass diese Geschöpfe kein Schmerzempfinden haben. Haben sie eins, oder haben sies nicht? Weiß man da was Genaueres drüber? Angeblich sollen sie die Nerven, die man dazu braucht, nicht haben. Aber ich bin nicht sicher, ob die Wissenschaft wirklich sicher weiß, wer was wie empfindet.

    • Redaktion

      In der SZ gibt es einen Artikel von 2010 über das, was die Wissenschaft über das Schmerzempfinden von Tieren diskutiert (http://www.sueddeutsche.de/wissen/schmerz-lass-nach-wie-gehts-dem-wurm-am-haken-1.912296) Darin wird berichtet, dass man auch Fischen das Schmerzempfinden mangels Neokortex lange Zeit abgesprochen hatte und nun aber doch glaubt, dass sie Schmerzen empfinden. Wissenschaftler haben nun Sinnenszellen bei der Forelle gefunden, die den menschlichen Schmerzrezeptoren entsprechen. An einer Stelle heißt es: „Letztlich überträgt der Mensch nur per Analogieschluss eigene Erfahrungen auf die Tierwelt. Das mag sinnvoll sein, wenn es um Tiere geht, die relativ nah mit dem Menschen verwandt sind. Je weiter er sich jedoch auf stammesgeschichtlicher Ebene entfernt, desto willkürlicher erscheinen die Schmerz-Kriterien: Eine Biene kann nicht stöhnen oder mit den Zähnen knirschen.“ Und ja, eine Biene hat keine Nase, sie riecht aber trotzdem, mit Sinnesorganen an den Fühlern, und zwar sehr viel besser als der Mensch. Und Schmetterlinge riechen mit den Füßen, meint man zu wissen. Nur weil die Menschen die Sinnenzellen für Schmerzen bei Insekten noch nicht gefunden und erforscht haben, muss es doch noch lange nicht heißen, dass sie keinen Schmerz empfinden. Bei dem überall angeführten Beispiel mit der Heuschrecke, die weiterfrisst, während sie von der Gottesanbeterin gefressen wird, wissen wir ja auch nicht, was da im Heuschreckenorganismus vor sich geht. Vielleicht empfindet sie nur in diesem Moment keinen Schmerz, damit es nicht so schlimm ist? Wir wissen es nicht.

      • Brigitte

        Ein sehr interessanter Artikel aus der Süddeutschen, sehr lesenswert. Was Randolf Menzel da sagt, dass die Wissenschaft oft vor Problemen steht, die sie nicht überwinden kann, ist sehr beherzigenswert in einer Zeit voller technischer Analyse-Instrumente, die den Eindruck erwecken, als könne man alles durchschauen. Das ist aber bei weitem nicht so.
        Mich stört auch die völlig gängige Praxis, für wissenschaftliche Versuche Leiden in Kauf zu nehmen, ohne zwingenden Grund. Fischen Essigsäure in die Lippen spritzen – geht’s noch? Wir wissen danach doch nicht mehr als vorher.
        Ein Fisch zappelt, wenn er an der Angel hängt, er flieht, wenn ich nach ihm greife oder in seine Nähe komme. Das reicht doch aus, um ihm zuzubilligen, dass er angenehme von unangenehmen Situationen unterscheiden kann, auf welche Weise auch immer. Und auch Bienen und Fliegen halten nicht still, wenn man nach ihnen schlägt.
        Unser Wissenschaftsbetrieb, unser Wissenschaftsbegriff machen es möglich, Rücksichtnahme außer Kraft zu setzen und der schlichten Lebenserfahrung jeden Wert abzusprechen. Erst wenn etwas im Labor nachvollzogen werden kann, wird das als gültig angesehen und hebt die Gewissheit.
        Diese Einstellung ist aber nur möglich vor dem Hintergrund einer grundsätzlichen Entfremdung: Ich traue dem nicht, was ich erlebe. Ich muss mich der Welt künstlich, und sei es auf brutalem Wege, vergewissern. Ohne Messergebnisse geht gar nichts, dabei sind die allein oft alles andere als aussagekräftig.
        „Die Natur verstummt auf der Folter“, hat der gute alte Goethe einmal gesagt. Auf die Beziehungsqualität kommt es an, wenn es um das Erkennen geht. Und auf das Akzeptieren von Grenzen. Wir wissen sehr oft nicht wirklich, wie es um den anderen bestellt ist – sei es im Zwischenmenschlichen oder im Umgang mit der Natur.
        Und das ist auch gut so. Denn der Andere ist etwas Eigenes und unserer Verfügungsgewalt eben nicht unterworfen. Fixiert man ihn, fügt man ihm Leiden zu, um hinter sein Geheimnis zu kommen, zerstört man nur die Beziehung zu ihm und eigentlich auch zu sich selbst.
        Gut möglich, dass wir viele Kenntnisse nicht hätten, wenn wir auf wissenschaftlicher Ebene weniger invasiv mit anderen Geschöpfen umgegangen wären und umgehen würden. Aber ich glaube, die Menschheit käme ohne große Nachtteile ohne diese Kenntnisse aus – wogegen sie unter dem Verlust von Mitgefühl und Menschlichkeit offensichtlich leidet und sich dadurch sehr schwer gefährdet. Deswegen wünsche ich mir eine Wissenschaft, die Intuition, Mitgefühl, Erfahrung und Beziehungsqualität höher gewichtet. In allem, was sie tut.

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