Das bewegte Leben der Zwiebel

Ein Balkon hängt in der Luft. Kein Boden, nirgends. Pflanzen leben dort unnatürlich beengt in einem Gefäß mit wenig Erde. Das bedeutet: geringer Platz für Wurzeln, begrenzte Nährstoffe, starke Feuchtigkeitsschwankungen. Ein Extremstandort. Blumen, deren Schicksal es ist, von mir auf den Wilden Meter gebracht zu werden, haben es also nicht leicht. Im Dienste der Insekten führen vor allem meine Zwiebelpflanzen ein anstrengendes Leben.

Ich möchte meine bescheidenen Balkongartenanbaufläche von zweieinhalb Quadratmetern möglichst optimal für ein langes und durchgehendes Blütenangebot vom Frühjahr bis in den Herbst nutzen. Deshalb müssen manche Frühblüher samt Topf, andere sogar ausgetopft, nur als nackte Zwiebel oder Knolle außerhalb des Pflanzgefäßes, für ein paar Monate in meinen Speicher umziehen. Dort lagern sie platzsparend dunkel und trocken. Das funktioniert, weil unsere frühblühenden Zwiebelpflanzen aus steppenartigen Regionen kommen, in denen die Sommer sehr trocken sind. Die Zwiebel oder Knolle speichert Nährstoffe ein, mit denen sie nach einer Ruhephase in der nächsten Vegetationsperiode wieder austreibt.

Deshalb ist es wichtig, die Blätter nicht abzuschneiden, wenn die Blüten verwelkt sind bzw. mit dem Austopfen zu warten, bis die Blätter vergilbt sind. Die Zwiebel speichert in der Zeit wichtige Nährstoffe. Da die Töpfe in der Zeit nicht mehr so hübsch anzusehen sind, stelle ich die Pflanzgefäße nach der Blüte in eine Ecke des Balkons, dann kann ich den prominenten Platz an der Sonne schon für meine Aussaaten nutzen.

Wenn die Blätter vertrocknet sind und sich ablösen, topfe ich die Zwiebeln aus, lege sie in einen Untersetzer und decke sie mit einem anderen zu. So lassen sich die Zwiebeln platzsparend im Regal lagern. Damit ich nicht vergesse, wo was drin ist, lege ich Zettel mit rein.

Außerhalb des Topfes haben den Sommer überdauert: Krokus, Traubenhyazinthen, Purpur-Lauch, Tulpen. Unter dem Navigationspunkt „Wilde Pflanzen A – Z“ sieht man, welche Zwiebelpflanzen ich schon ausprobiert habe. Die stehen auch als Schlagwörter unter den entsprechenden Beiträgen.

Rückkehr in die Erde

Im Herbst setze ich die Blumenzwiebeln wieder in Erde, gieße sie und halte sie auch im Winter feucht. Ich halte dabei die vorgeschriebene Pflanztiefe ein, aber nicht den Pflanzabstand. Für ein möglichst großes Blütenangebot lege die Zwiebeln nur mit ein bis drei Zentimeter Abstand in den Topf. Hat bisher gut geklappt. Wenn die Zettel, die ursprünglich vom Lieferanten mitgeliefert wurden, verwaschen und unleserlich sind, beschrifte ich das Pflanzgefäß mit Kreide.

Als Erde für Zwiebeln verwende ich Universal-Blumenerde aus dem Bioladen oder von den Münchner Abfallwirtschaftswerken, früher aus dem Gartencenter. Das hat bisher immer funktioniert. Mit Blumenzwiebeln experimentiere ich schon seit 2007, seit ich eingezogen bin im Arnulfpark. Seit 2013 – dem Jahr der Erleuchtung, wie ich es nenne – achte ich darauf, dass die Pflanzen von Nutzen für Insekten sind und die Erde keinen Torf enthält. Dieses Jahr habe ich am 12. November gepflanzt. Bezugsquellen für Zwiebeln siehe ganz unten.

Im Kasten (ohne Gewähr, weil schon mal was durcheinander kommt): Elfenkrokus (Crocus tommasinianus), Krokus „Cream Beauty“ (Crocus chrysanthus), Zweiblütiger Krokus „Miss Vain“ (Crocus biflorus), Kaukasischer Blaustern (Scilla mischtschenkoana) und Armenische Traubenhyazinthe (Muscari armeniacum). Im Terracotta-Topf: Purpur-Lauch (Allium aflatuense Purple Sensation) und im schwarzen Topf, dieses Jahr zum ersten Mal dabei: Rosen-Lauch (Allium roseum). Auf dem Boden steht noch ein Topf mit Purpur-Lauch, zur Hälfte mit übersommerten Zwiebeln und zur Hälfte mit neuen Zwiebeln. Den Purpur-Lauch habe ich zum ersten Mal vergangenen Herbst gepflanzt. Er hat mir so gut gefallen und den Bienen auch, dass ich nun aufgestockt habe für die nächste Saison.

Kinderzwiebeln

Der Begriff Blumenzwiebeln ist übrigens ein nicht ganz korrektes Sammelwort. Krokusse bilden Knollen (siehe großes Foto ganz oben). Während in der Zwiebel schon die ganze Pflanze angelegt ist, wie auch bei der Speisezwiebel, ist eine Knolle ein reines Speicherorgan, aus dem eine neue Pflanze wächst, wie bei der Kartoffel. Zwiebelpflanzen vermehren sich sowohl durch Samen als auch durch sogenannte Brut- und Tochterzwiebeln. Wenn ich es richtig verstanden habe, sagt man Brutzwiebeln, wenn es viele Kinderzwiebeln sind wie bei Traubenhyazinthen, aber Tochterzwiebel, wenn es eine oder zwei sind wie bei den Tulpen.

Der Vorteil des Austopfens und Übersommerns der Blumenzwiebeln außerhalb des Topfes besteht darin, dass man die Kinderzwiebeln im Herbst abtrennen und vereinzeln kann. So werden es nicht zu viele Pflanzen in einem Topf.

Im Topf übersommert, frisch gegossen und schon wieder sprießend: die Traubenhyazinthen. Ich glaube, es sind verschiedene Muscari-Arten im Topf, da will ich mich nicht festlegen. Manchmal muss es auch schnell gehen und es bleibt keine Zeit für sorgfältige Dokumentationen. Dass Traubenhyanzinthen im Herbst schon wieder wachsen, scheint normal zu sein, wie ich in verschiedenen Gartenforen gelesen habe. Je später man aber mit dem Gießen anfangen würde, um so schöner würden die Pflanzen werden.
Vierte Auflage: Mit ausführlicher Beschreibung des mobilen Zwiebelsystems auf meinem Balkon.

Buch-Tipp: „Mobile Zwiebelerkenntnisse“ in der Neuauflage des Topf-Buchs

Reinhard Witt, den Gründer und Präsidenten des Naturgartenvereins, habe ich zuerst über seine Bücher und 2015 später auch persönlich kennengelernt. Er hat zwei Wildblumenwiesen im Arnulfpark geplant, die ich initiiert und mit dem Nachbarschaftstreff im Arnulfpark, eine Einrichtung der Stadt München, als Bewohnerprojekt angelegt habe. Ich erzählte ihm bei der Begegnung auch von meinem Wildblumenbalkon und er interessierte sich für meine Blumenzwiebel-Experimente. Er bat mich, diese in Wort und Bild zu dokumentieren.

In die vierte Auflage des Wildpflanzen-Topf-Buchs sind meine Zwiebel-Erfahrungen nun eingegangen. Es ist Ende Oktober erschienen. Wer daran interessiert ist, findet meine bebilderten Ausführungen im Kapitel „Zwiebeln und Knollen“ (ab Seite 213) von Seite 225 bis 234. In dem Kapitel gibt es außer meinen bescheidenen empirischen Erkenntnissen die gärtnerischen Profi-Tipps zur Zwiebelkultur von Reinhard Witt und noch andere sehr interessante Praxisbeispiele. Das Buch gibt es direkt beim Autor; es kostet 24,95 EUR: www.naturgartenplaner.de/wildpflanzen-topfbuch. Die Buchempfehlung ist frei von kommerziellen Interessen. Ich verdiene nichts an dem Buchverkauf.

Fundstück: „Die aus der Mutter kommenden Jungen trennen sich selbst.“

Auf der Suche nach einschlägigen und zuverlässigen Informationsseiten im Internet, auf die ich für meine Leserinnen und Leser zum Thema Zwiebeln verlinken kann, bin ich auf Balthasar Preiß gestoßen, einen Mediziner und Botaniker des 19. Jahrhunderts (1765-1850), dem zu Ehren eine Gattung der Lebermoose benannt wurde. Er beschreibt in seinem Werk „Rhizographie oder Versuch einer Beschreibung und Eintheilung der Wurzeln, Knollen und Zwiebeln der Pflanzen“ den Vorgang der Fortpflanzung einer Zwiebel durch Tochterzwiebeln in einer Sprache, die zugleich wissenschaftlich, anschaulich und liebevoll ist. Die Bayerische Staatsbibliothek hat das Werk freundlicherweise digitalisiert:

„Es ist diese Vermehrung eine Reproduktion (…) eigener Art. … Die jungen Zwiebeln … kommen nämlich als unmittelbare Succession aus der alten Mutterzwiebel hervor (…) Innherhalb oder außerhalb ihrer Häute, bilden sie sich so fort aus. Sie trennen sich entweder schon im ersten Jahre von den Alten, oder sie bleiben mit ihr noch länger verbunden. Die Mutterzwiebel schließt die Kotyledonen (Keimblätter, Anm. d. Red.) ein, woraus die Junge als Embryo (…) ihre erste Nahrung erhält, sich an ihr entwickelt, reift, sich selbst trennt und so fort wieder ihres Gleichen hervorbringt. Dieses junge Zwiebelchen ist das wahre Kindchen der Mutterzwiebel, eine und dieselbe Species.(…) Der Akt des Lebendiggebährens untescheidet sich von der polypenartigen Vermehrungsweise dadurch, daß die aus der Mutter kommende Jungen sich selbst trennen (..).“ (S. 95f)

Quellen:
Syringa-Gärtnerei:  Tochterzwiebeln
Wikipedia-Eintrag:  Zwiebel als Pflanzenteil
Spektrum, Lexikon der Biologie:  Zwiebelpflanzen
Francé, Raoul Heinrich (1914):  Spaziergänge durch den Hausgarten
Preiß, Balthasar (1832):  Rhizographie oder Versuch einer Beschreibung und Eintheilung der Wurzeln, Knollen und Zwiebeln der Pflanzen (Abschnitt S. 94)


Tipps zum Kaufen von Blumenzwiebeln

Ich habe bei den Zwiebeln keinen festen Lieferanten, ich bevorzuge Bio-Gärtnereien, aber auch da steht manchmal bei den Zwiebeln „aus konventionellem Anbau zugekauft“. Die Gärtnerei Gaißmayer hat für die insektenfreundliche Auswahl der Zwiebeln eine sehr gute Faustregel auf der Website: „Wildarten und Sorten mit einfachen oder wenig gefüllten Blüten liefern am sichersten Nähr- und Treibstoff für die summende und brummende Fauna.“ In manchen Online-Shops gibt es sogar dafür eine eigene Kategorie oder einen Hinweis: „Insektenweide“ oder ähnliches. Zusätzlich gehe ich noch nach meiner eigenen Beobachtung: Ich kaufe nach, was von den Insekten auf meinem Balkon gut besucht wurde. Hier eine Auswahl von Anbietern, bei denen ich schon gekauft habe:

Staudengärtnerei Gaißmayer: Insektenweiden aus Zwiebeln und Knollen
Kräuter- und Wildpflanzen-Gärtnerei Strickler: Blumenzwiebeln
Wildpflanzen-Gärtnerei Hof Berg-Garten: Blumenzwiebeln
Raimund Biogartenbedarf: Blumenzwiebeln
Gewiehs Blumenzwiebeln: www.gewiehs-blumenzwiebeln.de 
Manufactum: www.manufactum.de/herbstpflanzung
(Hinweis: Manufactum strukturiert die Website und das Produktangebot öfter um, deshalb kann es sein, dass der Link irgendwann wieder nicht funktioniert. Stand: 7.12.2017)

4 Kommentare zu “Das bewegte Leben der Zwiebel

  1. Vielen Dank für den informativen Beitrag. Das von den Zwiebeln und Knollen wußte ich noch nicht ! Mit zweieinhalb qm hast du doch einen sehr überschaubaren Platz. Da bringst du ganz schön viel unter. Ich habe dieses Jahr auch erstmals Zwiebeln gepflanzt (wie du u.a. einen Rosenlauch sowie Zierlauch). Eigentlich hatte ich welche für die Baumscheibe bestellt (in den harten Boden aber nicht so viele hineinbekommen, wie gewünscht), aber den Rest habe ich noch in ein paar Balkongefäßen verteilt. Ich bin gespannt, weil ich das tatsächlich noch nie gemacht habe. Das man sie so dicht setzen kann, beruhigt mich 🙂 Ich hab gesehen, daß du diese alte Sorte Krokus hast, tommasinianus. Meine Mutter hat mir Knollen wie Saat überlassen. Mal sehen, was das wird. Die sollen sich ja bestens ausbreiten 🙂 Hurraaa !!! Ich bin gespannt, wie sich bei dir alles entwickelt und freue mich auf Bilder im Frühjahr !!

    • wildermeter

      Die zweieinhalb Quadratmeter meinen die Fläche des Balkons, die ich als Anbaufläche nutzen kann – in Form von Kästen oder Töpfen. Insgesamt haben meine beiden Balkone zehn Quadratmeter.

    • Liebe Almuth, oh, das ist ja lustig, dass du auch den Rosenlauch dieses Jahr zum ersten Mal ausprobierst. Auch ich freue mich auf Fotos auf deinem Blog von deinen Frühjahrsblüten – sowohl auf der Baumscheibe als auch auf dem Balkon. Auf unserer Wildblumenwiese im Arnulfpark wurden Frühblüher samt Zwiebeln ausgegraben, also gestohlen, so dass wir jetzt auf einer Wiese fast keine Krokusse mehr haben. Tulpen und Narzissen werden gerne für private Blumensträuße abgesäbelt oder abgerupft. Das kann man an der Pflanze dann sehen, ob jemand gleich professionell mit dem Messer anrückt oder spontan seine Wohnung gratis begrünen möchte und die Stängel abknickt. Ich hoffe, dass deine Baumscheibe von derartigen egoistischen Blumenräubern verschont bleibt. Mein Menschenbild hat dadurch schwer gelitten.

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