Wildpflanzen Wissenschaft

Pflanzenvielfalt in Deutschland auf dem Rückzug

Saat-Wucherblume mit Wildbiene auf dem Wilden Meter im Juni 2020

Die Saat-Wucherblume (Chrysanthemum segetum) ist in der „Wildblumen-Saatgutmischung für Wildbienen“ enthalten, die ich jedes Jahr auf dem Wilden Meter aussäe. Der Wildbienenexperte Paul Westrich hat diese Mischung zusammen mit der Kräutergärtnerei Syringa konzipiert. Diese Blume kannte ich vorher nicht und seit ich sie kenne, habe ich sie nie in der Landschaft draußen gesehen. Die Erklärung dafür liefert nun eine umfassende Studie zum Rückgang der Pflanzenarten in Deutschland in den vergangenen 60 Jahren: Wir verlieren pro Jahrzehnt durchschnittlich zwei Prozent unserer Artenvielfalt. Die Saat-Wucherblume ist in besonderem Maße betroffen.

Das Ergebnis der bislang umfassendsten Auswertungen von Pflanzendaten aus Deutschland: Bei 70 Prozent von den mehr als 2.000 untersuchten Pflanzenarten sind deutschlandweit Rückgänge zu beobachten. Die Einbußen seit den 1960er Jahren belaufen sich durchschnittlich auf 15 Prozent pro Art.

29 Millionen Daten zur Verbreitung von Gefäßpflanzen flossen in die Analysen ein, die im Rahmen des Vorhabens „sMon – Biodiversitätstrends in Deutschland“ des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) erfolgten. Beteiligt waren Forschende von iDiv, der Universitäten Jena, Halle und Rostock, des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) sowie des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) unter enger Beteiligung der oberen Naturschutzbehörden aller 16 Bundesländer.

Ackerbegleitflora gehört zu den großen Verlieren

In der Fläche ist über ganz Deutschland hinweg in jedem Rasterfeld (ca. 5 mal 5 Kilometer) ein mittlerer Rückgang der Artenvielfalt um rund zwei Prozent pro Jahrzehnt zu verzeichnen. Zu den Verlierern zählen insbesondere Archäophyten, das sind Arten, die durch den Menschen, aber bereits vor der Entdeckung Amerikas nach Deutschland gelangten. Dazu gehören unter anderem große Teile unserer Ackerbegleitflora, wie die Saat-Wucherblume und der Echte Frauenspiegel, aber auch Arten, wie der Große Klappertopf und der Gute Heinrich. Dagegen konnten sich viele Neophyten, also Arten, die nach 1492 Deutschland erreicht haben, ausbreiten, wie zum Beispiel das Drüsige Springkraut oder das Schmalblättrige Greiskraut. Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass selbst diese Zunahme die Verluste der Artenzahl pro betrachteter Flächeneinheit nicht ausgleichen konnten.

BfN-Präsidentin Beate Jessel schlussfolgert: „Es wird einmal mehr deutlich, dass wir in unserem Umgang mit Natur und Landschaft zu einem Umdenken kommen müssen. Denn die in der Studie nachgewiesenen Bestandsrückgänge erstrecken sich über die gesamte Fläche Deutschlands. Das macht deutlich: Wir müssen breit in der Fläche an der Land- und Forstwirtschaft ansetzen, die beide zusammen ja 80 Prozent der Flächen in Deutschland einnehmen. Naturverträglichere Nutzungsformen sind dringend geboten.“

„Ein düsteres Bild“

„Die Ergebnisse haben uns in dieser Deutlichkeit wirklich überrascht. Sie zeichnen ein sehr düsteres Bild des Zustandes der Pflanzenvielfalt in Deutschland“, sagt Erstautor David Eichenberg von iDiv. „Dabei wurde bestätigt, dass die Rückgänge nicht auf die ohnehin seltenen oder besonders gefährdeten Arten beschränkt sind, sondern offensichtlich schon seit längerem ein schleichender Biodiversitätsverlust der Mehrzahl der Pflanzenarten in Deutschland stattfindet.“

Die Autoren halten es für wahrscheinlich, dass der beobachtete Rückgang der Pflanzenvielfalt wesentliche Auswirkungen auf die Biodiversität und die Leistungen von Ökosystemen hat. Aufgrund der oft sehr komplexen Zusammenhänge zum Beispiel über Nahrungsnetze und Kaskadeneffekte, können derartige Verluste sehr gravierende Auswirkungen haben. Offensichtlich werden die vielschichtigen Beziehungen bei den Insekten, die sowohl in ihrer Vielfalt als auch in ihrer Häufigkeit abnehmen.

Häufige Arten müssen besser untersucht werden

Die Studie zeigt aber auch, dass die Datenlage weiterhin verbessert werden muss, um auch schleichende Verluste der biologischen Vielfalt möglichst frühzeitig zu entdecken. Um dies zu erreichen, legt das Bundesamt für Naturschutz gerade die Grundlagen für ein Monitoring mittelhäufiger Pflanzenarten in Deutschland. Im Gegensatz zu seltenen Arten, deren Bestände und Vorkommen oft gut untersucht sind, fallen Verluste bei den mittelhäufigen bis häufigen Arten mit den gegenwärtigen Erfassungsmethoden erst spät oder gar nicht auf.

Für die im Fachjournal Global Change Biology veröffentlichte Studie wurden erstmals für Deutschland derart große und heterogene Datensätze zusammengeführt und statistisch belastbar ausgewertet. Grundlage dafür war die Datenbank FlorKart, in der das BfN Verbreitungsdaten der Flora Deutschlands zusammengefasst hat. Sie sind überwiegend das Ergebnis intensiver ehrenamtlicher und für den Naturschutz unverzichtbarer Kartierungsleistungen. Ergänzt wurde der Datensatz durch weitere, an Universitäten, anderen wissenschaftlichen Einrichtungen, aber auch durch Privatpersonen erhobene Datensätze zu Pflanzenvorkommen. Die Nachweislücken wurden durch Berechnungen von Vorkommenswahrscheinlichkeiten gefüllt. Verbreitungsdaten von 2136 der gut 4300 in Deutschland etablierten Pflanzenarten flossen in die Berechnungen ein. Nicht untersucht wurden Arten mit sehr geringen Meldehäufigkeiten.

Die Studie wurde unter anderem gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; FZT 118, 202548816) im Rahmen von „sMon – Biodiversitätstrends in Deutschland“.

Die Veröffentlichung:
Eichenberg D., Bowler D. E., Bonn A., Bruelheide H., Grescho V., Harter D., Jandt U., May R., Winter M., Jansen F. (2020): Widespread decline in central European plant diversity across six decades; Global Change Biology. DOI: 10.1111/gcb.15447 Zur Studie

Quelle: Pressemeldung des Bundesamts für Naturschutz vom 16. Dezember 2020
Titelbild: Löcherbiene auf der Blüte einer Saat-Wucherblume auf dem Wilden Meter im Juni 2020

Mehr Informationen:
Steckbrief Saat-Wucherblume bei Floraweb.de
Wildblumen-Saatgutmischungen für Wildbienen von Syringa
Erfahrungen mit einjährigen Ackerwildblumen auf dem Wilden Meter

 

 

 

 

6 Kommentare zu “Pflanzenvielfalt in Deutschland auf dem Rückzug

  1. Die intensive Landwirtschaft hat ihren Preis … 🙁 Ich wünsche dem Wilden Meter und dir eine schöne Winterruhe. Liebe Grüsse von Regula

  2. mmh, ist ja spannend. Hiernach ist sie ein Neophyt…
    https://de.wikipedia.org/wiki/Saat-Wucherblume.
    Wobei ich floraweb eigentlich eher glauben würde, aber seltsam ist es schon.

    • Der Wikipedia-Artikel verlinkt auf die Floraweb-Seite, habe ich gerade gesehen. Und auf Floraweb steht: einheimisch. Der Herausgeber von Floraweb ist ja das Bundesamt für Naturschutz und insofern eine verlässliche Quelle.

      • Ja, das hab ich auch gesehen! Ich denke auch, dass Floraweb verlässlich ist. Bleibt aber seltsam, dass es bei wiki anders drin steht, obwohl es doch auf genau diesen floraweb-Eintrag verweist. Auch andere, bei floraweb verlinkte Quellen sagen, dass diese Art heimisch ist. mmh.

  3. Ah! Und danke für den Pflanzentipp Saat-Wucherblume! Die kannte ich tatsächlich nicht, bin grad am recherchieren, warum mir die bisher durch die Lappen gegangen ist 😉 Vom Namen her hätte ich ise auch eher für eine Pflanze aus dem Gartencenter eingeordnet.

  4. Danke für den informativen Beitrag! Ja, echt erschreckend… ich beobachte das bei uns in der Gegend auch schon seit einer ganzen Weile. Selbst die „normalsten“ Pflanzen und „ordinärsten“ Wegrand-, Wald- und Wiesenpflanzen – kaum zu finden. Ich freu mich schon, wenn mal irgendwo Schafgarbe wächst!

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