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Balkonbesuch bei Patricia in Hamburg

Sommerpanorama Nordbalkon

Nordbalkone sind chronisch „unterpflanzt“, lautete Patricias Kampfansage an nackten Beton im Schatten. Das Ergebnis: ein summendes Blütenparadies, ein wilder Hummelbalkon. Ich freue mich sehr, dass Patricia ihr wegweisendes und prämiertes Balkonprojekt hier vorstellt. Sie zeigt, wie man Nordbalkone mit Liebe zur Natur und Experimentierfreude wachküsst.

Hamburg, 7 Uhr morgens. Mit der ersten Tasse Kaffee des Tages öffne ich meine Balkontür und trete raus in eine völlig andere Welt. Jene Welt ist grün, wild und winzig – gerade einmal 2,4 Quadratmeter misst mein grünes Wohnzimmer mit Nordausrichtung. Ja, ich nenne einen Nordbalkon mein eigen. Und er beherbergt mittlerweile über 70 mehrjährige Stauden.

Oft höre ich: „Norden? Oh je! Da wächst doch nichts außer ein paar Farnen und Salaten!“ oder „Also viele Blüten kannst du auf einem Nordbalkon nicht erwarten.“ Und genauso begann meine Reise zum Naturbalkon: mit jeder Menge Salate, Mangold, Roter Beete, einigen Kräutern, einem Farn und Fuchsien. Aber schon in meiner ersten Balkonsaison vor zwei Jahren wollte ich mich mit der Trost- und Hoffnungslosigkeit grauen Betons, die Nordbalkonen anhaftet, nicht abfinden, und deshalb begann ich zu experimentieren: mit Tomaten, Erdbeeren und Kartoffeln in Bio-Qualität – und siehe da, alles wuchs sehr gut, und schon bald konnte ich mich über alle genannten Gemüse und Obst made in Eimsbüttel freuen.

Und dann kam die erste Hummel! An einem lauen Sommerabend saß ich auf meiner Türschwelle und schaute auf meinen kleinen Gemüse- und Kräutergarten und hörte ihr lautes Brummen näher kommen. Ein Mehliger Salbei in Lila hatte es ihr angetan und mir auch, denn ich hatte ihn spontan wegen seiner üppigen Blüten mitgenommen, ohne darüber nachzudenken, ob er sich im Schatten wohlfühlt. Der Steinhummel war das auch schnuppe, und sie machte sich über die vielen Blüten her. Und ich kannte plötzlich keine größere Freude, als diese kleine Hummel zu filmen, die sich über meinen Spontankauf freute. So freuten wir uns zusammen, und die Hummel hatte keinen blassen Schimmer, dass sie mit ihrem Erscheinen mein Balkonleben nachhaltig verändert hatte.

Diese kleine Steinhummel sitzt zwar nicht an an besagtem Salbei, aber sie freut sich über die ebenso schöne Wilde Malve.
Diese kleine Steinhummel sitzt zwar nicht an an besagtem Salbei, aber sie freut sich über die ebenso schöne Wilde Malve.

Ein kleiner Moment mit großer Wirkung

Als ich etwa sechs bis sieben Jahre alt war, spielte ich regelmäßig mit den anderen Kindern der Straße. Wir kletterten auf dem Spielplatz am Ende der Straße herum, machten „Parfüm“ aus Blütenblättern, sammelten Obst aus dem Garten, spielten Gummitwist, aßen Wassereis und genossen die endlosen Sommer Anfang der 90er. An einem der langen Sommerabende wurden wir von einem plötzlichen Sommerregen überrascht und suchten unter dem Vordach eines der Einfamilienhäuser Schutz. Und wir waren nicht die Einzigen: Im Blumenbeet vor dem Haus wuchsen riesige Kugeldisteln, und unter einer von ihnen entdeckten wir… eine Hummel. Sie hatte sich an den Stengel geklammert und suchte wie wir Schutz vor dem unerwarteten Regenfall. Ihr Pelz sah so weich aus, dass ich nicht widerstehen konnte. Ich streckte ganz vorsichtig meinen Zeigefinger aus und strich noch vorsichtiger über ihren pelzigen Rücken. Es war magisch – und von diesem besonderen Moment an wurden Hummeln meine absoluten Lieblingsinsekten.

Und so erklärt es sich auch, dass der Auftritt der Steinhummel auf meinem kleinen Gemüsebalkon mich so bewegte, dass ich beschloss, mehr Hummelblüten haben zu wollen. Ein neues Projekt war geboren: die Umwandlung meines Gemüsegartens in einen Naturbalkon mit vielen insektenfreundlichen Pflanzen, die noch mehr Hummeln anlocken sollten.

Balkonbesuch bei Patricia
Bild links: Hamburger Hummel kennen keinen Regen. Das weiß auch diese Ackerhummel auf der nassen Kornblume. Bild rechts: Eine Gartenhummel steuert den Wolfs-Eisenhut an.

Mein wilder Nordbalkon entsteht

Anfang 2024 war es dann soweit. Eine ganze Menge – und damit meine ich mehrere Dutzend – junge Wildstauden zogen bei mir ein. Die ersten, Frauenmantel, Wald-Ziest und Lungenkraut, hatte ich schon Ende der Balkonsaison 2023 auf lokalen Pflanzenverkäufen ergattert, aber zu ihnen gesellten sich im Laufe der Saison 2024 noch viele weitere Stauden, die meisten davon heimisch und alle mit hohem ökologischem Wert für die Tierwelt. Die wunderbare Datenbank naturadb beförderte eine ganze Menge Schattenstauden und Halbschattenstauden zutage, die es auszuprobieren galt.

Mitten im Sommer, sitze ich nun mit oben erwähnter Kaffeetasse inmitten eines Blätter- und Blütenmeers aus über 70 Stauden, Kräutern und sonstiger Pflanzen. Um mich herum brummen jede Menge Hummeln, eine Glockenblumen-Scherenbiene krabbelt in die zarten Blüten meiner Zwerg-Glockenblumen, einige Ameisen umschwärmen die Berg-Flockenblume neben mir und ein Kohlweißling umflattert das riesige Zottige Weidenröschen vor mir. Was mit dem Erblühen einiger Frühblüherzwiebeln wie Narzissen und Traubenhyazinthen und dem umschwärmten Gefleckten Lungenkraut im März noch recht zaghaft begann, ist über die Monate zu einem kleinen wilden Paradies aus vielfältigen Stauden zusammengewachsen – mit den von mir herbeigesehnten Hummeln und vielen anderen Insekten.

Bild links: Alpen-Waldrebe, Nachtviole, Wilde Malve, Roter Fingerhut, Wilder Wein und viele mehr begrünen die linke Balkonseite. Bild rechts: Im Sommer wird der Nordbalkon zu einem undurchdringlichen Blatt- und Blütendickicht.

Nordbalkone – unterschätzt und unterpflanzt

So richtig brilliert mein winziger Nordbalkon jene drei Monate im Sommer, an denen die Sonne für eine kleine Weile das Geländer und eine Balkonecke streift – Waldlichtungs-Feeling garantiert! Schon in meiner kurzen Naturbalkonkarriere habe ich bemerkt, dass Schatten nicht gleich Schatten ist. Obwohl mein Balkon ein Nordbalkon ist, liegt er dennoch relativ hell, was der Pfanzenvielfalt auf 2,4 Quadratmetern zugute kommt. Überhaupt hat die Nordlage eine Menge Vorteile: Meine Pflanzen verbrennen nicht in der Mittagshitze, ich kann mich an heißen Tagen jederzeit gemütlich und kühl in mein grünes Wohnzimmer setzen, ich gieße so gut wie gar nicht, weil die Erde viel langsamer austrocknet, und Blüten halten teilweise länger als auf glühend heißen Südbalkonen.

Nordbalkone sind die „Underdogs“ unter den Balkonen, die leisen und langsamen, die dennoch die eine oder andere schöne Überraschung bereit halten:

1. Die Uhren ticken hier bedeutend langsamer. Während auf sonnengefluteten Balkonen bereits früh die Insekten schwirren und einige Blüten sich öffnen, liegt bei mir meistens noch alles im Winterschlaf. Frühestens gegen Mitte/Ende März mit der Blüte der ersten Blausterne und des Lungenkrauts taucht die erste Gehörnte Mauerbiene auf und schließlich meine Balkonhummeln.

2. Pflanzen lieben den Schatten.
Wenn sich dann die ersten Blätter zaghaft aus der Erde recken, geht es rasant los, und zwar nicht nur mit Schattenstauden. Mittlerweile umgeben mich nicht nur typische Nordbalkonpflanzen wie Waldmeister, Farne und Bärlauch, sondern auch vielfältige Sonnengewächse wie Blutweiderich, Glockenblumen und Malven. Nur weil eine Pflanze als Halbschattenpflanze gilt, heißt es nicht, dass sie direkte Sonne braucht. Mut zahlt sich aus!

3. Insekten lassen sich pflanzen.
Sobald es sich herumgesprochen hatte, dass es auf meinem Balkon Nektar und Pollen gibt, hielt auch die Insektenwelt Einzug: Hummeln, andere Wildbienen, Schmetterlinge, Schwebfliegen, Ameisen und andere Insekten schwirrten, krabbelten und brummten vom Frühjahr bis in den Herbst durch meinen kleinen Garten und verliehen damit meinem Nordbalkon das ultimative Qualitätssiegel: Insektenfreundlicher Garten im Schatten!

Bild links: Der prächtige Blutweiderich (Halbschattenstaude!) auf dem kleinen Hochbeet setzt tolle pinke Akzente und stellt Leinkraut und Wald-Ziest in den Schatten. Bild rechts: Ab April geht das Blattwachstum so rasant vonstatten, dass ich schnell mal auf die Türschwelle verbannt werde.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste Pflanze im Nordbalkonland?

Wer im Schatten gärtnert, trifft mit Waldstauden für den Anfang eine gute Wahl. Diese sind an wenig bis gar keine Sonne gewöhnt und kommen gut mit schwierigen Lichtverhältnissen aus. Aber das ist durchaus nicht alles: Ich habe schnell festgestellt, dass auch Halbschattenstauden und viele Kräuter bei mir wunderbar gedeihen. Die meisten meiner Nordbalkonpflanzen sind heimische, mehrjährige und somit winterharte Stauden, die gerne feucht bis frisch stehen, ergänzt durch einige Frühblüherzwiebeln, Kräuter und einjährige Pflanzen. Und hier sind meine aktuellen Lieblinge:

1. Geflecktes Lungenkraut

Eine meiner absoluten Lieblingsstauden und Top-Frühblüher auf dem Nordbalkon ist das hübsche Lungenkraut. Es läutet den Frühling ein und trotzt dabei auch jeglicher verbleibender Winterkälte. Es blüht bei mir von März bis Mai und ist ein absoluter Hummelhit, aber auch bei anderen Wildbienen wie der Mauerbiene beliebt. Mittlerweile habe ich es an drei Stellen gepflanzt: in einem Frühblüherkasten mit Frühlings-Platterbse, Goldnessel und Tränendem Herz, in einem Waldkübel mit Farnen, Gräsern und Purpurglöckchen und zuletzt im Kübel mit Nesselblättriger Glockenblume, Wald-Habichtskraut und Wald-Storchschnabel.

Geflecktes Lungenkraut
Geflecktes Lungenkraut auf dem Balkonboden, auf dem ausschließlich Waldstauden stehen.

2. Minze

Der beste Anfang für einen Naturbalkon sind blühende Kräuter. Und auch ich habe die ersten zaghaften Schritte Richtung Insektenparadies mit einigen schattenverträglichen Kräutern gemacht: Schnittlauch, Zitronenmelisse, Petersilie, Liebstöckel und Minze. Meine Minze treibt nach jedem Winter verlässlich wieder aus und schmeckt sowohl mir, als auch zahlreichen Insekten: Wespenarten, Honigbienen, Wildbienen und Schmetterlingen. Ihre weißen Blütenstände blühen im Hochsommer ganz in Weiß und bekommen am Geländer den einen oder anderen Sonnenstrahl ab, sodass sie zum Sonnendeck für Insektenbesuch werden.

Ein Faulbaum-Bläuling sonnt sich auf der Minze.
Ein Faulbaum-Bläuling sonnt sich auf der Minze.

3. Zwerg-Glockenblume

Auf Glockenblumen wurde schon so manches Loblied gesungen, und ich kann da nur einstimmen: Ein Hoch auf die Glockenblumen! Ich habe mittlerweile sechs Arten: die Acker-Glockenblume, die Nessel-Glockenblume, die Rundblättrige Glockenblume, die Pfirsichblättrige Glockenblume, die Wald-Glockenblume und die Zwerg-Glockenblume – alle sehr wichtig für Insekten, blühen lange bis in den Spätsommer/Herbst und alle schattenverträglicher als gemeinhin angenommen. Die Zwerg-Glockenblumen sind besonders zart und klein und haben mir eine ganz besondere Beobachtung beschert: die Glockenblumen-Scherenbiene. Diese Balkonsaison werde ich versuchen, sie mithilfe einer speziell angefertigten Nisthilfe mit 2-3,5 mm Löchern zum Nisten auf meinem Balkon zu verleiten. Ob es trotz Schatten klappt?

Ganz zart recken die Zwerg-Glockenblume ihre kleinen lila Kelche in den Himmel.
Ganz zart recken die Zwerg-Glockenblume ihre kleinen lila Kelche in den Himmel.

4. Wald-Ziest

Zu wenig gelobt wird wiederum der Wald-Ziest, die Schattenvariante des Heilziests und seiner Geschwister. Er war tatsächlich eine meiner ersten Wildstauden, die ich bei einem Kleingartenverkauf ergattert habe, nicht ahnend, dass ich damit den Ackerhummeln auf meinem Balkon eine große Freude machen würde. Toll für den Balkon: Er blüht den ganzen Sommer über von Juni bis September und kann sogar gegessen werden – sein Steinpilzaroma macht den Waldbalkon perfekt.

5. Echtes Herzgespann

Erst auf dem aktuellen Bio-Balkon-Kongress habe ich erfahren, dass das Echte Herzgespann eine von Birgit Schattlings Lieblingspflanzen ist. Zurecht! Es gilt als Halbschattenstaude, aber entwickelt sich bei mir prächtig und übersteht jeden Hamburger Winter äußerst elegant gekleidet in Grün. Auch das Herzgespann gehört zu den Hummel-Lieblingen (vor allem bei Ackerhummeln) und erreicht bei mir mit etwa 70 cm eine beachtliche Höhe, dafür dass es keine Sonne abbekommt. Laut Birgit hat die Staude auch eine heilende Eigenschaften (wie so viele Wildstauden), mit denen ich mich unbedingt näher beschäftigen will.

Waldziest und Herzgespann
Bild links: Eine der schönsten Waldstauden für schattige Ecken – der Wald-Ziest (hier mit Ackerhummel). Bild rechts: Wildromantische Abendidylle mit Ackerhummel an Echtem Herzgespann.

6. Roter Fingerhut

Ich schrecke auch nicht vor Giftpflanzen zurück. Da ich weder Kinder noch Katzen auf meinem Balkon beheimate, habe ich mit dem Roten Fingerhut, dem Wolfs-Eisenhut und einigen anderen auch giftige Pflanzen im Nordbalkonrepertoire. Die größte Freude meiner Frühsommertage ist es, auf meiner Balkonschwelle zu sitzen und dicke Gartenhummeln dabei zu beobachten, wie sie von Fingerhutblüte zu Fingerhutblüte fliegen und in die pinken Röhren krabbeln. Mein Hummelbalkon hat dann wahrlich seinen Zweck erfüllt!

Roter Fingerhut
Diese Gartenhummel war schon fleißig wie an ihrem Pollenhöschen deutlich wird, aber sie kann dem Roten Fingerhut einfach nicht widerstehen.

7. Wilde Malve

Eine der Balkonüberraschungen ist die Wilde Malve. Auch sie gilt nicht unbedingt als Schattengewächs, aber das scheint ihr herzlich egal zu sein, denn sie bildet bei mir über den Sommer unermüdlich Blüten. Es lohnt sich wirklich, diese auszuputzen und die wilde Staude nach dem ersten Verblühen zurückzuschneiden, denn dann belohnt sie mit einer zweiten Blüte. Meine Steinhummeln sind jedenfalls hin und weg von dieser Lieblingsstaude.

Blütenmeer der Wilden Malve
Wild und schön: das Blütenmeer der Wilden Malve

8. Sibirischer Blaustern

Eine Neuentdeckung, wenn es um Frühblüherzwiebeln auf Nordbalkonen geht, ist dieses Jahr der Sibirische Blaustern. Ich habe einige Bio-Zwiebeln letzten Herbst in diverse Töpfe verbuddelt und im noch teils kalten Vorfrühling sind sie wunderschöne blaue Farbtupfer, die sehr gut wachsen und vor allem von der Gehörnten Mauerbiene (dem ersten Insekt dieses Jahr!) immer wieder besucht werden. Ich werde nächstes Jahr definitiv noch viel mehr von ihnen anbieten.

Blausterne
Blausterne aus einer grünen Perspektive

9. Bärlauch

Der Klassiker unter den Nordbalkon- und Schattenpflanzen ist der Bärlauch, und zum Glück liebe ich ihn über alles. Er wächst bei mir in einem klassischen Waldkübel mit Walderdbeeren, Goldsteinie und Alpen-Waldrebe und kommt im Februar als allererstes aus seinem Winterschlaf zurück. Ich ernte ihn im März regelmäßig, freue mich dann aber auch ab April auf seine weißen zarten Blüten, die immer noch essbar sind, aber auch meinen Balkoninsekten schmecken.

10. Alpen-Waldrebe

Ein schönes Beispiel für eine Kletterpflanze im Schatten ist eine besondere Clematis: die Alpen-Waldrebe. Sie treibt früh wieder aus und blüht von April bis Juni in zartem Lila. Sie zieht einige Wildbienen an, aber besonders schön ist es, wenn eine dicke Gartenhummel kopfüber an ihren Blüten hängt.

Bärlauch und Alpen-Waldrebe
Foto links: Blühender Bärlauch auf dem Nordbalkon. Foto rechts: Auf kleinen Balkonen lohnt es sich nach oben zu wachsen, wie die Alpen-Waldrebe zeigt.

Schattenseiten – Probieren geht über Studieren

Im Wesentlichen haben mich bisher zwei Herausforderungen meines Balkons beschäftigt:

1. Platzmangel: Wer Pflanzen liebt, kennt das Thema. Nie ist genug Platz da, denn auf magische weise vermehrt sich das Grün auf dem Balkon von Jahr zu Jahr oder sogar von Monat zu Monat. 2,4 Quadratmeter sind wirklich eine winzige Fläche, und es erfordert jede Menge Pflanzentetris, um das Beste herauszuholen und über 70 Pflanzen unterzubringen. Des Rätsels Lösungen lauten: In die Höhe Gärtnern, mehrere Ebenen schaffen und alle eng zusammenrücken. Mit einer Leiter, an der Pflanzkästen hängen, gelingt es mir, gen Himmel zu gärtnern. Mittels dreidimensionaler Nutzung des Raums über Hocker, Tische, Hochbeet, Leiter, Geländer, Balkonboden gelingt es mir, die maximale Anzahl Pflanzgefäße auf kleinstem Raum unterzubringen und die Pflanzen nach Lichtbedarf zu ordnen. Last but not least: Meine Pflanzen gehen schnell auf Kuschelkurs, denn ich pflanze sie eng zusammen – und das funktioniert prima! Generell vertragen sich Stauden auch auf kleinstem Raum, nämlich im Blumenkasten oder Kübel, ganz gut, denn sie werden mit soviel Liebe und Aufmerksamkeit umsorgt, dass sie quasi eine Art geschützten Lebensraum bewohnen. Ich gieße sie, zupfe mal hier und da ein vertrocknetes Blatt oder eine Blüte ab, spreche ihnen Mut zu (ja, ich lobe meine Pflanzen für jedes neue Blatt), und sie müssen sich nicht in der freien Wildbahn selbst durchschlagen.

2. Wildbienennisthilfe: Es wird immer wieder empfohlen, Wildbienennisthilfen in die Sonne zu hängen. Sonne ist bei mir allerdings Mangelware, und vielleicht ist das der Grund, warum meine NABU-Wildbienennisthilfe bisher unbewohnt geblieben ist, obwohl sie gen Osten ausgerichtet und überdacht in der Höhe hängt. Der Bee n Bee-Leerstand könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass die Nisthilfe vor allem große Löcher für Mauerbienen hat, obwohl die meisten Wildbienen wesentlich kleiner sind. Doch ich gebe nicht auf! Auch diese Balkonsaison werde ich wieder Wildbienennistplätze vermieten, allerdings mit Lochdurchmessern von 2 mm bis 8 mm

Wilder Wein auf dem Balkon
Foto links: Auf winzigen Balkonen lohnt sich das dreidimensionale Gärtnern auf mehreren Ebenen. Foto rechts: Im Herbst errötet der Wilde Wein und umrahmt die Wildbienennisthilfe, die allerdings keine Gäste beherbergt.

Hummel, Hummel – Mors, Mors: Hoher Tierbesuch

Der Insektenbalkon

Von März bis Oktober gehört mein Balkon der Insektenwelt und allen voran meinen erklärten Lieblingen, den Hummeln. Tatsächlich sind sie die häufigsten Gäste in meinem Schattengarten – sie sind eben hart im Nehmen, denn ihr Pelz schützt sie vermutlich vor den bisweilen kühlen Temperaturen in meinen Nordgefilden. Zugegeben: Die erste Hummel der letzten Saison fand nicht ganz freiwillig auf meinen Balkon. Eine Freundin, mein Partner und ich fanden sie im März kraftlos auf dem Boden in der Nähe meiner Wohnung. In einer dramatischen Rettungsaktion transportierten wir sie auf meinen Balkon, wo nicht ganz zufällig das Lungenkraut zur Blüte angesetzt hatte. Meine Freundin, Mutter zweier Kinder und ganz offensichtlich unerwartete Notfälle gewohnt, begann ganz routiniert eine Zuckerwasserlösung anzurühren, während mein Partner die Hummel zu motivieren versuchte, sich am Lungenkraut zu stärken. Das Adrenalin schoss allerorts in die Höhe, und siehe da, schließlich krabbelte die Hummel auf die pinken-lila Blüten und begann sich zu stärken. Und gerade als ich das Handy zücken wollte, um diesen aufregenden Nordbalkonmoment für die Ewigkeit festzuhalten, düste das Hummelchen auch schon wie von der Rakete angetrieben davon. Ganz offensichtlich trug sie die frohe Kunde vom Lungenkraut in die Welt, denn einen Tag später begann die Insektensaison auf meinem Balkon so richtig!

Neben den Hummeln haben sich viele weitere Gäste eingefunden.

• Wildbienen: u.a. Ackerhummel, Steinhummel, Gartenhummel, Dunkle Erdhummel, Gehörnte Mauerbiene, Rote Mauerbiene, Kleine Glockenblumen-Scherenbiene, Schmalbienen
• Schwebfliegen: u.a. Mistbiene, Späte Großstirnschwebfliege
• Wespen: u.a. Gemeine Wespe, Töpferwespe
• Schmetterlinge: u.a. Kohlweißling, Faulbaum-Bläuling
• Ameisen
• Honigbienen
• Sieben-Punkt-Marienkäfer, Asiatischer Marienkäfer
• Blattläuse
• diverse kleinere Spinnen

Schmalbiene labt sich am Schmuckkörbchen.
Eine nicht näher definierte Schmalbiene labt sich am Schmuckkörbchen, das einen der begehrten Plätze am Balkongeländer besetzt.
Schwebfliege auf Kornblume
Späte Großstirnschwebfliege auf Kornblume
Asiatischer Marienkäfer und Ameisen
Bild links: Der Asiatische Marienkäfer patrouilliert auf den Blättern der Knoblauchsrauke. Er weiß vermutlich nicht, dass er als invasiv gilt. Bild rechts: Ameisen-Party auf der Berg-Flockenblume.
Kornblumen und Goldmohn
Bild links: Eine Wegameise erkundet die Kornblumenwelt. Bild rechts: Mehr Sommer geht nicht: Goldmohn und Kornblumen.

Der Vogelbalkon

Während von Frühling bis Herbst die Insekten das Sagen haben, übernehmen ab dem Herbst die Gartenvögel die Balkonherrschaft. Im ersten Winter meines Naturbalkons beschloss ich, mir diese triste, graue Zeit im Norden mit der verbliebenen Tierwelt zu vertreiben. Der Vogelbalkon war geboren! Dort füttere ich von Oktober bis März die Eimsbütteler Gartenvögel mit Sonnenblumenkernen, Erdnusskernen, Walnusskernen, Äpfeln, Rosinen und Fettblöcken und kann sie dabei ganz aus der Nähe beobachten. Bis zu jenem Zeitpunkt der ersten Fütterung kamen mir Vögel ehrlicherweise immer als die langweiligsten Tiere vor, aber mittlerweile halte ich sie für die interessantesten und bin zum „Birdnerd“ mutiert.

Eine ganz besondere Beziehung habe ich zu meinem Rotkehlchen Fiete aufgebaut. Er hat schon im Herbst die Balkonlandschaft in Augenschein genommen und ließ sich immer wieder aus nächster Nähe blicken. Gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, gibt er im Baum vor meinem Balkon sein tägliches, sehr lautes Abendständchen, eines von sehr vielen am Tag. Er ist meist so laut, dass ich ihn sogar bei geschlossenem Fenster deutlich höre. Neugierig verfolgt er meine Balkonaktivitäten im Winter und legt immer eine Zwischenlandung ein, um zu sehen, ob ich ihm vielleicht den einen oder anderen Wurm ausgebuddelt habe.

Der gefiederte Besuch*:

• Rotkehlchen
• Kohlmeisen
• Blaumeisen
• Amseln
• Eichelhäher
• Buntspecht
• Gimpel
• Stadttauben & Ringeltauben

*nicht im Bild, denn ich habe ihn nur in Bewegtbild festgehalten.

Manchmal frage ich mich, wer hier eigentlich wen beobachtet – ich die Tiere oder sie mich? Eigentlich wollte ich nur ein paar Pflanzen in Töpfen ziehen, doch aus meinem Balkon ist ein kleines Dschungelparadies geworden. Hier raschelt, summt und zwitschert es das ganze Jahr über, und immer wieder gibt es etwas Neues zu entdecken. Mal huscht ein Marienkäfer über die Blätter, mal taucht eine Amsel auf, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Mein Balkon ist klein, aber voller Geschichten – und das nächste Kapitel beginnt sicher schon morgen, wenn ich wieder mit meiner Kaffeetasse auf den Balkon trete.

Bild links: Die beste Aussicht ist immer noch die auf einen blühenden Nordbalkon. Bild rechts: Der Morgenkaffee schmeckt besser im Grünen.
Bild links: Die beste Aussicht ist immer noch die auf einen blühenden Nordbalkon. Bild rechts: Der Morgenkaffee schmeckt besser im Grünen.

Mein Nordbalkon kurz & knackig

Standort: überdachter Norden, mit einer halben Stunde Sonne täglich während drei Monaten im Sommer, die das Geländer und eine Balkonecke streift

Größe: 2,4 Quadratmeter

Pflanzgefäße: eine Zinkwanne für Sumpfpflanzen, ein bis zwei Tontöpfe, sonst nachhaltiges Plastik, von 18 cm über 50 cm Balkonkästen bis 40 cm Kübeln ist alles dabei.

Substrat: torffreie Bioerde

Dünger: bisher nicht nötig, aber ab diesem Jahr Wurmhumus und bei Bedarf Kaffeesatz

Strukturen für Tiere: Vogelfutterhaus im Winter, Totholz, Wildbienennisthilfe sowie Insekten- und Vogeltränke mit Moos, Stöcken und Steinen gänzjährig

Bewässerung: Ich gieße im Herbst und Winter gar nicht, sondern überlasse das dem Hamburger Regen, im späten Frühjahr und Sommer sehr selten. Dementsprechend verzichte ich auch auf jegliche Urlaubsbewässerung (zumindest bis zu einem Zeitraum von 14 Tagen)

Liebste Pflanzenquellen: NABU Naturgarten Winterhude, Kleingartenverkäufe von Naturgärten, lokale Staudenverkäufe, Gärtnerei Piepereit, Lichtnelke Pflanzenversand, Baumschule Horstmann, DEMETER-Gärtnerei Kräutergarten Urban, Gärtnerhof WildLand

Patricia Bobak
Patricia Bobak

Kontakt: hallo@nordbalkonliebe.de

Patricia im Internet:

Blog: Nordbalkonliebe – Insektenfreundliches Gärtnern im Schatten
Webseite: Freie Texterin für Nachhaltigkeit und SaaS
Patricia auf Instagram: @pattis.wonderland
Patricias Beitrag zum Pflanzwettbewerb „Deutschland summt“ 2024
Pflanzliste auf naturadb: Mein wilder Nordbalkon

Texte und Bilder: Patricia Bobak

3 Kommentare zu “Balkonbesuch bei Patricia in Hamburg

  1. Wunderbar geschrieben und man spürt deine Liebe und Begeisterung für Natur und Hummeln und was da sonst noch kreucht und fleucht! Schön, daß du zeigst, was auf einem Nordbalkon alles möglich ist. Um das wenige Gießen beneide ich dich. Meins ist ein Südbalkon und in der Tat, an heißen Sommertagen verblüht so manches Ratzfatz, was ich immer sehr schade finde. Okay, man kann nicht alles haben 😉 Die Hummeln gehören auch zu meinen Lieblingsinsekten, deshalb kann ich deine Begeisterung sehr gut nachempfinden 🙂 Mit dem Wald-Ziest hat es bei mir leider nicht geklappt, aber vielleicht versuche ich es irgendwann noch mal. Dieses Jahr sind einige andere Pflanzen neu bei mir dazugekommen und ich hoffe ebenfalls auf viel Hummelbesuch. Weiterhin alles Gute und eine schöne Balkonzeit! Liebe Grüße nach Eimsbüttel!

  2. Liebe Patricia,
    großartig! Noch besser als der schöne Bio-Balkon-Vortrag, zu dem ich eigentlich auch noch einen Kommentar geben wollte: Zu einem Foto hast du gesagt, dass du da deine „Pflanzen anschmachtest“ – hat mir so gut gefallen. Mache ich auch so oft es geht. Und es ist etwas, das auf jeden Fall ihr Wachsen antreibt und uns selber Kraft gibt, ganz nebenbei. Einfach herrlich, welche Pflanzengemeinschaften du zusammengestellt hast – noch schöner, wie es bei dir grünt und blüht.
    Danke Dir fürs ausführliche Notieren, danke Katha für den tollen Besuch! Da kann man sich wieder schön was abgucken.
    Let’s schmacht! Grüße vom Frankfurter Wildbalkon zur Hamburger Nordoase
    Sylvia

  3. Was für ein wunderbarer Blogeintrag. Ich bin noch ganz verzaubert … von deiner Schreibweise und dem Blütenparadies auf dem Nordbalkon. Beides so schön!

Hinweis: Ich freue mich über alle Kommentare und den Austausch mit Leserinnen und Lesern. Leider verschluckt das System aber die Kommentare manchmal und ich muss diese erst nachträglich online stellen. Ich bitte deshalb um Geduld und Verständnis!