Von der Freude des Säens

Eigentlich könnte man einen Wildblumenbalkon nur mit Stauden bepflanzen. Sie kommen aus der Gärtnerei, müssen nur noch eingepflanzt werden – fertig!  Eine bequeme Begrünungsvariante, die im Zusammenhang mit Wildpflanzen manchmal als Vorteil für den „faulen Gärtner“ angeführt wird. Doch was würde einem nicht alles entgehen, wenn man nicht auch selbst Samen in die Erde legen würde?

„Die Natur hasst die Gleichförmigkeit, sie liebt die Verschiedenheit. Vielleicht liegt darin ihr Genie.“ Dieses Zitat von Bernhard Werber (1961) habe ich kürzlich irgendwo gelesen. Wie interessant gestaltet und verschieden geformt schon allein die Samen sind, gefällt mir. Zum Beispiel sehen Kornblumensamen aus wie Pinselchen und die von Ringelblumen wie Halbmonde, die von Skabiosen erinnern mich an Lampenschirme. Kleine Kunstwerke.

Noch namenloses Pflänzchen (1)

Pflanzen mit Charakter

Dann muss man warten, bis die ersten grünen Keimblättchen erscheinen. Das Wunder des Wachstums im Balkonkasten direkt auf Augenhöhe: braunes Kügelchen + Erde + Wasser + Wärme = grüne Pflanze. Wenn die ersten Blätter nach den Keimblättern kommen, wird es sehr spannend.

Noch namenloses Pflänzchen (2), daneben Ringelblumensamen

Dann sieht man schon die unterschiedlich geformten Blättchen der Pflanzen. Länglich, rund, gezackt, behaart. Bei Saatgutmischungen wie bei der Syringa-Wildbienenmischung mit über 20 Arten kann man versuchen zu raten, welche Blumenkinder hier nun im Kasten aufgegangen sind. Und dann sieht man ihnen beim Wachsen zu.

Noch namenloses Pflänzchen (3)

Man erkennt auch als Laie die unterschiedlichen Charaktere und Strategien. Die einen wachsen ganz schnell in die Höhe, andere bilden Blätter aus, die sich rosettenförmig am Boden ausbreiten – da kommen dann keine Mitstreiter im Blumenkasten mehr ans Licht.

Noch namenloses Pflänzchen (4)

Warmduscher aus dem Gartencenter

Das alles erlebt man nicht, wenn die Staude schon im Topf geliefert wird. Das ist eher wie die Adoption von Wesen, deren Elternhaus und Kindheit man nicht kennt. Ganz im Gegensatz zu den eigenen Zöglingen! Zu denen ist meine Beziehung immer inniger. Auch nach drei Jahren denke ich bei der Staude noch an den Lieferanten. Wenn die Blumen, die man selbst aussät, blühen und von Insekten besucht werden, ist das für mich das viel größere Erfolgserlebnis. Kindisch, aber schön. Noch sind aber von den neu ausgesäten Blumen noch keine Blüten in Sicht. Die Kälte haben sie aber locker weggesteckt. Die Eisheiligen sind quasi nur für „Warmduscher aus dem Gartencenter“ relevant.

Die relativ großen hasenohrigen Pflanzen sind die Kornblumen. Das glaube ich aus den Vorjahren gelernt zu haben. Die Aussaat liegt nun sechs Wochen zurück. Die Bewässerungsanlage haben wir inzwischen auch angebracht, wie man auf dem Foto sieht. So konnten wir über Ostern ein paar Tage wegfahren.

Im Kugellauchtopf hat sich der Klatschmohn selbst angesiedelt und hatte schon letzten Herbst Zeit zu keimen und einige Zentimeter zu wachsen. Der hat schon Knospen ausgebildet und dürfte dieses Jahr der erste Klatschmohn sein, der auf dem Balkon blüht.

1 Kommentar zu “Von der Freude des Säens

  1. Dem obigen kann ich nur beipflichten ! Mittlerweile sieht das Arbeitszimmer bei mir im Frühjahr aus wie ein kleines Gewächshaus. All die kleinen Samenschalen gefüllt mit Anzuchterde und allerlei Sämereien. 🙂 Selbst wenn einige nicht so stattlich werden wie ein gekauftes Exemplar aus dem Gartenmarkt, ist der Gedanke zu wissen, was aus so einem kleinen Samen werden kann, erstaunlich.

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