Kältestratifikation

Das echte oder gefleckte Lungenkraut (pulmonaria officinalis) ist nicht nur eine Heilpflanze, die seit dem Mittelalter bei Lungenleiden eingesetzt wird, sondern – und darum kommt es  in diesem Blog vor – auch eine Hummelpflanze. Das Lungenkraut ist früh dran im Jahr, blüht ab März und gehört so zur ersten Nahrungsquelle der Hummeljungköniginnen, wenn sie nach dem Winterschlaf aus der Erde krabbeln. Um in dieser Saison bereits im März auch die schönen großen Königinnen auf unseren Balkon zu locken, habe ich (nach einigem Suchen) Lungenkrautsamen in Spanien gekauft, um sie auf dem Fensterbrett im Februar in Vorkultur zu ziehen. Doch dann stand auf dem Samentütchen der komische Satz: Samen müssen kältestratifiziert werden.

Dormanz und Kältestratifikation

Was bedeutet das bloß, fragte ich mich als Anfängerin in Sachen Wildblumengärtnern. Herr Wild von Spicegarden in Spanien, der mir das Saatgut verkauft hat, schickte mir einen Link im Internet: Stratifikation. Kurz gesagt geht es darum, dem Samenkorn vorzuschwindeln, dass erst Herbst, dann Winter und jetzt Frühjahr ist. Hier die lange Version von der Wiki-Website:

In der Botanik und im Samenbau bezeichnet der Begriff Stratifikation (von lat. stratum, Schicht) die Kältebehandlung von Samen um deren Keimung in einer gepufferten Umgebung anzuregen. Als Puffer dienen Substratschichten, die den Wassergehalt, die Temperatur und den Lichtabschluss physikalisch stabilisieren und den bei freier feuchter Lagerung unvermeidlichen Befall mit Mikroorganismen reduzieren.

Nahezu alle Samen durchlaufen während und unmittelbar nach ihrer Reife an der Mutterpflanze eine Samenruhe oder Dormanz, die überwunden werden muss, bevor die Keimung erfolgen kann. Dies dient zunächst dazu, die Keimung bereits an der Mutterpflanze zu verhindern. Zudem müssen häufig bestimmte Umgebungsbedingungen erfüllt sein, damit die Samen keimen können. Zahlreiche Samenarten benötigen eine Kälteperiode, bevor die Keimruhe überwunden wird. Dadurch wird die Keimung von Samen in der ungünstigen Zeit vor Winteranbruch verhindert. Werden Samen künstlich diesen Bedingungen ausgesetzt, spricht man von Stratifikation.

Wieder mal eine superschlaue Erfindung der Natur, die Dormanz. Ich habe dann noch ein bisschen weiter recherchiert und dann folgenden Versuchsaufbau durchgeführt: Samen acht Tage bei Zimmertemperatur in meinem Eiswürfelbehälter in feuchter Erde in ein dunkles Schränkchen gelegt (Herbst), dann zehn Tage in den Kühlschrank (Winter) und dann aufs Küchenfensterbrett (Frühling).

Da steht der Blumenkasten nun seit heute. Weil noch die Hälfte vom Kasten frei war, hab ich da auch noch wild zusammengemischt ein paar Wildblumensamen in die freie Hälfte reingestreut. Wie immer kann ich nicht glauben, dass aus den kleinen schwarzen und braunen Kügelchen tatsächlich etwas rauswächst. Jetzt heißt es warten. Die Keimdauer des Lungekrauts wird auf dem Samentütchen mit 16 bis 30 Tagen angegeben. Wenn ich mir das so durchrechne, bin ich wahrscheinlich zu spät dran für die Hummeljungköniginnen. Jetzt heißt es sowieso einfach nur abwarten. In vier bis fünf Wochen kann man eh ins „Freiland“ also direkt in die Blumekästen auf dem Balkon säen.

Wikipedia: Geflecktes Lungenkraut

Epilog

Anmerkung der Redaktion vom 11. April 2017: Es ist damals nichts geworden, der Kühlschranktrick hat nicht geklappt. Inzwischen weiß ich aber, dass und wo man in Deutschland Lungenkraut als vorgezogene Stauden kaufen kann. Im Bild oben sieht man Lungenkraut, das als Staude im Herbst 2015 per Post zu mir kam und im März 2016 geblüht hat. Die Hummelköniginnen im Arnulfpark haben sich nicht dafür interessiert, die haben anderswo genügend Nahrung gefunden. So habe ich die Blume ins Freiland unter unseren Balkon gepflanzt, wo sie ganz gut angewachsen ist. Gerade blüht sie wieder. Den Platz hat die Waldwitwenblume eingenommen.

 

 

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