Nestverschlüsse (2): Das Wettrüsten von Räuber und Beute

Wildbienen bauen oft ganz arttypische Nestverschlüsse. Sie verwenden dazu unterschiedliche Materialien wie Blätter, Lehm oder Steinchen. Wie das aussieht, habe ich an Beispielen von Nestverschlüssen auf dem Wilden Meter im letzten Beitrag gezeigt. Aber warum machen die Bienen das eigentlich so? Die Wilde-Meter-Redaktion besuchte zur Ergründung des Phänomens den Biologen Andreas Fleischmann an der Botanischen Staatssammlung in München.

Wir stehen gemeinsam vor den Nisthilfen im Botanischen Garten, an denen Fleischmann und eine Doktorandin das Flugverhalten von Wildbienen erforschen. Fast alle Röhrchen sind verschlossen, es gibt also genügend praktisches Anschauungsmaterial und auch andere Nestverschlüsse als die, die ich auf dem Wilden Meter fotografieren konnte.

Herr Fleischmann, welchen biologischen Sinn hat es, dass Wildbienen ihre Nester mit unterschiedlichen Materialien verschließen. Sie könnten doch einfach alle mit demselben System arbeiten?

Die unterschiedlichen Nestverschlüsse der Wildbienenarten sind oft das Ergebnis des Wettrüstens zwischen einer Wildbienenart und ihren spezifischen Nesträubern oder Parasiten. Die Bienenmutter verwendet bestimmte Materialien, um ihre Bienenkinder vor dem Aufgefressenwerden zu schützen. Sie kann ihren Nachwuchs nicht persönlich verteidigen, sie stirbt ja auch bald und ihre Kinder lernt sie nie kennen. Deshalb muss das Nest bestmöglich das Überleben der nächsten Generation sicherstellen. Dazu verwenden die Bienen alle möglichen Tricks.

Und wie funktioniert das nun im Einzelnen?

[Er deutet auf einen Nestverschluss.] Also zum Beispiel das da oben, was so panachiert ausschaut und dunkle Flecken hat, das ist ein Nest der Natternkopf-Mauernbiene. Die verwendet zuerst Lehm, nagt dann aber Holzspäne ab und klebt die noch drauf. Das sieht dann ein bisschen wie bei der Bundeswehr-Tarnkleidung aus, eine Camouflage. Das dient dazu, dass das Nest vor Fressfeinden, wie Vögeln, die es aufhacken würden, optisch schon ziemlich gut getarnt ist. Hier stehen wir ja vor menschengemachten Nisthilfen, aber in der Natur würden diese Bienen in Käferfraßgängen im Holz nisten. Und mit der Holzspäne-Camouflage ist der Nesteingang auf einem Baumstamm sehr schlecht zu sehen.

Warum verwenden die Gehörnte Mauerbiene und die Rostrote Mauerbiene dann nur Lehm, ohne die Holzspäne?

Das kommt daher, dass diese Mauerbienen-Arten aus wärmeren Gegenden kommen und erst seit einiger Zeit bei uns in Nisthilfen im städtischen Raum leben. Und, das hat Wildbienen-Experte Paul Westrich herausgefunden, in ihren Herkunftsregionen nisten diese Arten in Lehmsteilwänden, nicht in Holz. Sie besiedeln alte Nester von Pelzbienen, da brauchen sie die Holzspäne nicht zur Tarnung.

Hier sehe ich einen Nestverschluss mit Steinchen. Wie funktioniert hier der Trick?

Das sind Scherenbienen, Glockenblumen-Scherenbienen und Hahnenfuß-Scherenbienen. Die machen einen Verschluss aus Lehm und in den noch feuchten Mörtel legen sie ganz viele Steinchen rein. Diese sollen die Bienenlarven und –puppen wohl vor allem vor den Schlupfwespen schützen. Das sind biologische Gegenspieler, die dem Wirt das Essen wegnehmen oder die Wirtslarve dann fressen. Kuckucksarten oder Parasitoide sagt man dazu eigentlich. Die Schlupfwespen wollen nämlich mit ihrem langen Legestachel durch diesen Verschluss stechen und in die Zelle mit der Bienenlarve ihr Schlupfwespen-Ei ablegen. Aber durch diese Steinchen ist das quasi so hart wie Stahlbeton, da kommen die nicht durch.

Die Hahnenfuß-Scherenbienen haben zusätzlich noch einen ganz raffinierten Trick. Die verwenden sozusagen auch noch eine chemische Tarnung, diesen braunen Hof, den man hier an einigen Verschlüssen sieht. Das ist ein Pilz. Die machen über den Verschluss aus Lehm und Steinchen noch eine ganz glatte Schicht aus Erde oder Lehm, in den sie Nektar mit hineinwürgen. Nektarwasser ist quasi Zuckerwasser, das ins Holz zieht. Und dann kommt ein ganz spezieller Schimmelpilz und es entsteht ein schwarzer Flaum, der komplett über Nestverschluss und umliegendes Holz wächst. So ist der Nestverschluss zum einen nicht mehr als runde Öffnung zu erkennen und zum anderen riecht das auch nicht mehr nach Biene.

Es werden also nicht nur die Augen der Feinde, sondern auch die Nasen getäuscht?

Ja, auch die Blattschneiderbienen haben eine eigene raffinierte Strategie. Die Blattschneiderbienen schneiden kreisförmige oder halbkreisförmige Stücke beispielsweise aus Rosen-, Weiden- oder Pappelblättern, oder auch aus Pfingstrosen. Und dann bauen sie ihr Nest aus diesen Blättern, die sie zum Beispiel in die Röhrchen hier in den Nisthilfen stopfen. – Im Sommer bekomme ich oft Anrufe, dass eine Hummel auf einem Blatt durch den Garten reiten würde – das sind die recht großen Blattschneiderbienen. – Und das Blatt dient dann offensichtlich wieder dazu, dass das Nest nicht nach Biene riecht, sondern nach getrockneter Pflanze, so wie bei einem Blütenpotpourri, und dann erkennen die Feinde das nicht als Bienennest.

Es gibt viele Parasitoide, die auf die Insekten in den Nisthilfen spezialisiert sind und die man auch auf dem Balkon beobachten kann, verschiedene Kuckucksbienen, Schlupfwespen oder Fliegen. Als Mensch gehören die Sympathien meistens den „ehrlichen“ Insekten, die in die Nisthilfen Eier legen und den Proviant für den Nachwuchs ranschaffen, also sehr fleißig arbeiten müssen. Die Parasitoide sind aus menschlicher Sicht die Bösen, die Diebe, Kindermörder, Betrüger, Bienenschädlinge. Wie sehen Sie das?

Es stimmt einfach nicht, dass die Kuckucksbienen und Parasitoide Schädlinge sind. Die nützen einfach die Ressource Bienenlarve oder Bienennahrung so wie die Bienen die Ressourcen Pollen und Nektar nützen. Und alles, was da ist, wird genützt. Es ist gibt in der Natur immer ein Wettrennen zwischen dem Räuber und der Beute und die passen sich halt gegenseitig an. Eine Biene, die ihre Kinder im Käferfraßgang vor dem Buntspecht schützen will, könnte zum Beispiel als Strategie auf andere Nistmöglichkeiten ausweichen, zum Beispiel auf leere Schneckenhäuser. Die hat der Buntspecht nicht im Beutespektrum. Aber im Schneckenhaus muss sie sich dann etwas einfallen lassen, um sich zum Beispiel gegen die Drosseln schützen, weil diese die Schneckenhäuser knacken könnten.



Zu Dr. Andreas Fleischmann:

Dr. Andreas Fleischmann (37) ist Wissenschaftler an der Botanischen Staatsammlung München. Er betreut dort zusammen mit Doktorandin Michaela Hofmann und Prof. Susanne Renner von der LMU München ein Wildbienenforschungsprojekt, bei dem die Münchner Bevölkerung aufgerufen ist, mitzumachen (Citizen Science). Dieses Jahr folgt Teil 2 des Projekts. Informationen dazu finden Sie im Beitrag: München sucht nummerierte Wildbienen.

Zum wissenschaftlichen Mitarbeiterprofil von Dr. Andreas Fleischmann auf der Website der Universität kommen Sie hier: Dr. Andreas Fleischmann

Lesetipp: Botanikserie von Andreas Fleischmann

Und das könnte für Leser des Wilden-Meter-Blogs interessant sein: In der Tageszeitung seiner Heimatstadt Landsberg veröffentlicht er als Serie informative und gleichzeitig unterhaltsame Pflanzen-Porträts. Eigentlich ist er nämlich Botaniker, der auch schon mit Preisen ausgezeichnet wurde. Mit dem Link müsste man die Artikelserie direkt aufrufen können: Botanikserie im Landsberger Tagblatt


Zum Beitrag  Nestverschlüsse Teil 1 – Kunst am Bau

9 Kommentare zu “Nestverschlüsse (2): Das Wettrüsten von Räuber und Beute

  1. Pingback: Hallo Münchner – Wildbienen mit Nummernschildern gesucht! – Wilder Meter

  2. Pingback: Mehr Wildbienenarten im Botanischen Garten München durch Klimaerwärmung – Wilder Meter

  3. Und wieder habe ich etwas dazugelernt,denn ich kannte zwar die unterschiedlichen Methoden der Wildbienen, ihre Nester zu bauen. Habe mir aber noch nie wirklich über den Grund dieser unterschiedlichen Strategien Gedanken gemacht.

  4. Lesen und lernen und fasziniert sein…. dankeschön!

  5. Pingback: Nestverschlüsse (1): Kunst am Bau – Wilder Meter

  6. Interessant, lehrreich und unterhaltsam – danke schön!

  7. Schön, hier noch viel mehr über die Nester und ihre Funktionen zu erfahren! Toll beschrieben! Mir scheint, daß es nicht immer mit den Abwehrstrategien klappt. Die Blattschneiderbiene, die hier mal im Balkonkasten genistet hat, wurde meiner Meinung nach von Grabwespen parasitiert. Aber auch die Parasiten sind schlau 😉 Schön, daß du hier noch mal darauf hingewiesen hast, daß die Parasiten nicht die „Bösen“ sind, auch wenn wir sie gerne so sehen. Alles bzw. alle gehören dazu. Dann bin ich gespannt, wer unsere Balkone dieses Jahr noch besuchen wird!

  8. Ein spannender und interessanter Beitrag. Schöne Idee mit dem Interview!

  9. Toller Beitrag, der viel Fragen, die ich mir vor meinem eigenen Insektenhotel stehend schon gestellt habe, beantwortet.

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