Alpenameise auf Arnulfbalkon

„Vier bayerische Ameisen landen in einem badischen Museum. Was ist passiert?“ So könnte eine Rätselgeschichte anfangen, für deren Lösung kriminalistischer Spürsinn gefordert ist. In diesem Fall ist aber kein Verbrechen geschehen, im Gegenteil. Eine sehr nette Biologin und Ameisenexpertin aus Karlsruhe, Dipl.-Biol. Dr. rer. nat. Christiana Klingenberg, hat für die Wilde-Meter-Redaktion die Ameisen bestimmt, präpariert, fotografiert und danach der wissenschaftliche Sammlung des Naturkundemuseums in Karlsruhe übergeben, damit sie der Nachwelt erhalten bleiben. Und das kam so …

Wie finde ich heraus, wer auf dem Wilden Meter herumkrabbelt, -hüpft oder -fliegt? Ich befrage meine Bestimmungsbücher und fachkundige Menschen, indem ich Fotos auf Bestimmungsforen im Internet einstelle. Inzwischen bin ich in Wildbienen-, Heuschrecken-, Käfer- und Spinnenforen registriert (Kommentar einer Freundin: „Im Alter wirst du nun langsam komisch.“).

Auf der Suche nach einem kompetenten Ameisenforum bin ich auf die Website der Biologin und Ameisenexpertin Christiana Klingenberg aus Karlsruhe gestoßen: www.ameisen-net.de. Sie hat die Arten Baden-Württembergs dort aufgelistet und mit Foto beschrieben.

Ich fand ihre Seite mit dem hübschen Ameisenlogo so sympathisch, dass ich mich traute, eine E-Mail zu schreiben und um Unterstützung bei der Bestimmung meiner Wilden-Meter-Ameisen anzufragen. Es war Samstagnacht 21:45 Uhr. Eine Viertelstunde später hatte ich die Zusage. Die Biologin wollte die Bestimmung sogar selbst vornehmen und das höchstwissenschaftlich.

Absurde Post

Ich sollte jeweils drei Exemplare einer Art in Alkohol schicken. Mithilfe meiner Berliner Nichte Lilly, die gerade zu Besuch war, schritt ich zur Tat. Wir schubsten je drei Arbeiterinnen pro Balkon in ein Plastikfläschchen mit Haushaltsalkohol und brachten sie zur Post. Nachdem ich in dem neuesten Buch von Hummelforscher Dave Goulson kürzlich gelesen habe, dass er lebenden Hummeln Teile vom Bein zu Forschungszwecken abschneidet, versuchte ich, mir die sechs Morde nicht so zu Herzen zu nehmen. Aber es kostete mich einige Überwindung. Meine Nichte Lilly ist Vegetarierin und legt Wert darauf, hier zu lesen, dass sie praktisch von mir dazu gezwungen wurde.

In dem absurden Theaterstück „Nada a Pehuajó“ des argentinischen Autors Julio Cortázar reist eine Person mit einem einbalsamierten Affen („un mono embalsamado“) im Gepäck. Daran musste ich denken, als wir das Fläschchen mit den sechs in Apotheken-Alkohol schwimmenden Ameisen den türkischen Jungs in der Poststelle des Lottoladens in der Nymphenburgerstraße übergaben, um es im Päckchen nach Karlsruhe zu schicken. Cortázar hätte das sicher gefallen: seis formigas muertas en etanol.

Ameisenhaare zählen

Frau Dr. Klingenbergs wissenschaftlichen Untersuchungen zogen sich über einige Tage hin. Ich habe aus ihren Zwischenmeldungen gelernt, dass die Bestimmung von Ameisen über Fotos im Internet nur abenteuerliche Hypothesen zeitigen kann.

Das war die erste Nachricht der Expertin: „Die Ameisen habe ich bereits alle präpariert und bin bei der Bestimmung des ersten Exemplars. Dabei dürfte es sich um eine Art der Gattung Formica handeln. Mehr will ich noch nicht sagen. Morgen schaue ich nach den anderen. Die Bestimmung der Arten der Gattung Formica ist insofern eine Herausforderung, da es sehr oft um die Anzahl und die Länge der Haare geht, die an bestimmten Stellen des Körpers wachsen. Das heißt, man muss die Haare in der Länge messen (ca. 10 µm, Anm. d. Red.: also zehn Millionstel Meter!) und zählen. Dann variieren sie gerne innerhalb einer Art, so dass es sich empfiehlt, mehrere Exemplare einer Kolonie anzusehen. Von daher helfen die verschiedenen Exemplare, die Sie gesammelt haben, sehr. Morgen oder am Donnerstag kann ich hoffentlich mehr sagen. Wenn ich dann noch Zweifel habe, werde ich mich mit einem Kollegen aus dem Naturkundemuseum beraten.“

Die zweite E-Mail zwei Tage später: „Meiner Meinung nach sind alle Exemplare von der gleichen Art. Es ist nicht unüblich, dass es innerhalb einer Art Größenunterschiede gibt. Daher wird bei der Größe bestimmter Merkmale oft nach einem Verhältnis gefragt, also zum Beispiel die Länge des Antennen-Scapus im Verhältnis zur Kopfbreite. Wie bereits geschrieben, gehe ich desweiteren davon aus, dass es sich um eine Art der Gattung Formica handelt. Nachdem ich mir alle Exemplare angeschaut und vermessen habe, denke ich, dass es sich um Formica fuscocinerea handelt. Aber … die Merkmale sind alle sehr subtil, so dass ich das mit Sicherheit erst sagen kann, wenn ich ein paar Exemplare, die sicher als solche identifiziert wurden im Vergleich angeschaut habe. Eine entsprechende Anfrage habe ich bereits an das Museum geschickt und rechne mit einer baldigen Aussage. Von daher möchte ich Sie bitten, sich noch ein paar Tage zu gedulden.“

Der dritte Brief enthielt die endgültige Bestimmung: „Ich komme gerade aus dem Museum, wo ich mit einem Kollegen zusammen meine Bestimmung nochmals überprüft habe. In der Tat, es handelt sich bei allen Individuen um Formica fuscocinerea.“

Dazu hat mir die Biologin großzügigerweise auch noch drei Fotos für den Wilden-Meter-Blog zur Verfügung gestellt.

Drei Aufnahmen einer präparierten Formica fuscocinerea von Dr. Christiana Klingenberg. Fotografiert mit einem Leica-Stereomikroskop.

Formica fuscocinerea, Arbeiterin, von vorne
Formica fuscocinerea, Arbeiterin, seitlich
Formica fuscocinerea, Arbeiterin, von oben

 

Alpen-Bewohnerin mit Weltreich-Ambitionen

Was wissen wir nun über die Ameise, wenn wir den Namen kennen? Formica fuscocinerea ist in München stadtbekannt. Als Kinder- und Elternschreck auf Spielplätzen hat sie es in der Vergangenheit oft in die Medien geschafft (Beispiel SZ 16.6.2013: „München leidet unter einer Ameisenplage.“). Sogar die Berliner Welt hat am 28.8.2013 in dem Zusammenhang über sie berichtet. Das Spektakuläre für die Medien besteht in der Eigenschaft dieser Ameisenart, sogenannte Superkolonien über viele Kilometer hinweg zu gründen, eine Art Megafamilie mit vielen Königinnen, in der alle Tiere verwandt sind und sich ungehindert ausbreiten. Die eingeschleppte Argentinische Ameise liefert hier ja regelrechte Gruselgeschichten: „Südamerikanische Ameise erobert die Welt“ (Geo 2009).

Formica fuscocinerea, die keinen deutschen Namen hat, war ursprünglich nur in den Alpen und im Alpenvorland beheimatet. Ihr natürliches Habitat sind Sand- und Kiesbänke von Flüssen mit sehr schwacher Pflanzendecke, schreibt Bernhard Seifert vom Senckenbergmuseum für Naturkunde Görlitz in seinem Standardwerk „Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas“. Jetzt breitet sie sich weiter aus. Laut Welt-Artikel hat sie im südlichen Oberbayern eine Superkolonie gebildet. Der Münchner Biologe Volker Witte sagt in dem Bericht: „Sie hat das Potenzial, sich in ganz Mittel- und Nordeuropa auszubreiten. In Tübingen ist sie bereits.“ Er hat eine Ameise aus Murnau und eine aus München zusammengesperrt und sie haben sich nicht bekämpft, sondern gegenseitig geputzt. Ein Zeichen, dass sie sich als Zugehörige einer Kolonie erkannten. Seifert meint, dass die Art mit Kies von Schotterbänken aus den Alpen für den Bau des Uni-Campus eingeschleppt wurde. Dann wäre das Problem hausgemacht.

Verstädterung

Bei mir auf dem Balkon befinden sich übrigens auch Isarkiesel. Die nehme ich von Ausflügen mit und lege sie in oder neben Blumentöpfe. Vielleicht hat das der Alpenameise gefallen, als sie beschlossen hat, sich bei mir anzusiedeln und Läuse zu züchten. Wahrscheinlicher ist der Hinweis im Ameisen-Wiki: „Beobachtungen nach ist Formica fuscocinerea eine Pionierart nach Bautätigkeiten etwa im Straßenbau, oder sonstigen Versiegelungen der Landschaft. In München tritt sie neuerdings im städtischen Bereich zahlreich auf.“ Für den Arnulfpark wurden von der Art Homo sapiens zum Schaden vieler anderer Arten einige Hektar Stadtbrache versiegelt.

Ameisen gibt es immerhin schon seit 120 Millionen Jahren und sie mussten mit dem Naturzerstörer Homo sapiens erst einmal zurecht kommen. Die „Sandbänke“ alias Spielplätze in der Münchner Innenstadt lösen wahrscheinlich Begeisterungsstürme bei den Alpenameisen aus, naturnahe Abschnitte mit Sandbänken und Schotterbänken gibt es im Voralpenland nicht mehr allzuviele. „Bedeutende Reste“ sind nur noch an der Isar zu finden. (Quelle: www.deutschlands-natur.de)

Die berühmten Ameisenforscher Bert Hölldobler und Edward O. Wilson schreiben in ihrem Buch „Auf den Spuren der Ameisen“: „Wir bewundern das unabhängige Leben dieser Insekten. Ameisen überleben inmitten der vom Menschen ständig neu verursachten Umweltschäden und es scheint sie nicht zu kümmern, ob es Menschen um sie herum gibt oder nicht, solange ihnen nur ein kleines Plätzchen relativ ungestörter Natur bleibt, wo sie ihr Nest bauen, nach Futter suchen und sich fortpflanzen können.“

Formica fuscocinerea und die Wilde-Meter-Redaktion kommen übrigens sehr gut miteinander aus. F. fuscocinerea tritt nicht in den beschriebenen Horror-Massen auf, sondern züchtet auf einigen Pflanzenstängeln ihre Blattläuse. Was ich bestätigen kann, sie ist blitzschnell in der Feindesabwehr. Wenn ich in den Pflanzen hantiere, ist innerhalb weniger Sekunden eine Ameise auf der Hand. Die puste ich dann einfach zurück in den Kasten. Wo das Nest ist und die Königin der Arnulfpark-Kolonie sitzt, weiß ich leider nicht. Aber ich habe schon geflügelte Jungköniginnen auf dem Balkon gesehen und fotografiert.

Ein paar Bilder von den Alpenameisen auf dem Wilden Meter:

Eine unbegattete Jungkönigin.
Zwei Arbeiterinnen betreuen schwarze Blattläuse. Die sondern den sogenannten Honigtau, eine zuckerreiche Flüssigkeit, als Nebenprodukt ihrer eigenen Ernährung ab. Von Honigtau ernähren sich bestimmte Ameisenarten.
Eine Ameise transportiert eine andere Ameise. Den Sinn und Zweck konnte ich nicht herausfinden. Umzug?
Später kamen dann noch Arbeiterinnen, die Larven an einen anderen Ort brachten.

Nachtrag vom 7. August: Ameisen- und Insektenfotografie von Alex Wild

Von Christiana Klingenberg kam auch noch ein sehr interessanter Foto-Tipp: Alex Wild. Er ist auch selbst Myrmekologe (Ameisenforscher). Auf wissenschaftlichen Kongressen trifft man immer wieder auch auf Bilder von diesem Fotografen. Zu den Ameisenfotos von Alex Wild: www.alexanderwild.com/Ants

Quellen, weiterführende Informationen, Literaturtipps:

Ameisenseite von Dipl.-Biol. Dr. rer. nat. Christiana Klingenberg
Ameisen in Baden-Württemberg | www.ameisen-net.de

Naturkundemuseum Karlsruhe, Sammlung Hautflügler
www.smnk.de/sammlungen/entomologie/hautfluegler

Naturkundemuseum Karlsruhe, Forschungsschwerpunkte Entomologie
www.smnk.de/forschung/entomologie/forschungsschwerpunkte

Seifert, Bernhard: Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas, Görlitz/Tauer, 2007

Hölldobler, Bert; Wilson, Edward O.: Auf den Spuren der Ameisen. Die Entdeckung einer faszinierenden Welt. Springer Spektrum, 2. Auflage, 2013

Ameisen-Wiki: Eintrag Formica fuscocinerea
www.ameisenwiki.de

„Kampf gegen die Krabbeltiere“
Artikel in der SZ, 17.6.2013

„Ameisen bilden Superkolonien wie im Horrorfilm“
Artikel in der Welt, 28.8.2013

„Südamerikanische Ameise erobert die Welt“
Artikel auf GEO.de, 2009

Alpine Flüsse
Artikel auf deutschlands-natur.de

 

4 Kommentare zu “Alpenameise auf Arnulfbalkon

  1. Toller Beitrag und fantastische Fotos ! Das ihr diese Aktion mit dem Alkohol hinbekommen habt ! Spannend zu lesen, wie sich die Art ausgebreitet hat und erstaunlich, wie gut Ameisen klarkommen. Jedenfalls bestimmte Arten. Insgesamt soll die Anzahl der Ameisenarten ja wie vieler anderer Insekten inzwischen ebenfalls stark zurückgegangen sein. Ich habe allerdings keine Kenntnisse, warum das so ist. Man darf wohl gespannt sein, wer das „Rennen“ macht !

    Ich habe seit vielen Jahren Ameisen auf dem Balkon und bislang kamen wir gut miteinander aus. Dieses Jahr ist die Population allerdings ganz schön explodiert. Sie haben immer mehr Töpfe besiedelt, worunter auch die eine oder andere Pflanze litt, bis ich mal welche genommen und außer Haus ausgekippt habe. Einschließlich einer Königin. Ich frohlockte, daß ich die Hauptverursacherin losgeworden war, bis ich las, daß Ameisenvölker durchaus mehrere Königinnen haben können. Mal sehen, wie es jetzt weitergeht. Teile des Volkes scheinen noch in dem einen oder anderen Topf zu Hause zu sein…

  2. So spannend geschrieben! Ameisen sind wirklich sehr faszinierende Geschöpfe. Aber auch der kleine Einblick in einen Forscher-Alltag ist richtig interessant.

    Ein Filmtipp zum Thema Riesenkolonien von Ameisen – meiner Meinung nach spannender als ein Krimi – ist derzeit wohl noch in der ARD-Mediathek zu sehen (bis September 2017):

    Der Dokumentarfilm „Krieg der Ameisen“

    http://www.ardmediathek.de/tv/Krieg-der-Ameisen/Krieg-der-Ameisen/BR-Fernsehen/Video?bcastId=37840456&documentId=37840474

    Es lohnt sich ihn anzuschauen!

    • Redaktion

      Liebe Frafra, danke für das Lob und danke für den Filmtipp! Ich habe ihn gerade angeschaut und möchte ihn auch unbedingt empfehlen. Eine Tierdokumentation MIT Informationen und gut gemachter Filmmusik. Nicht das übliche pseudodramatische Getrommle zu schönen Bildern und Null-Information. Ich frage mich jetzt, was passiert, wenn die Argentinische Ameise irgendwann auf die Formica fuscocinerea trifft. Wird es eine neue Schlacht von Tours und Poitiers geben? Da könnten sie sich ungefähr in der Mitte treffen. Dort besiegten im Oktober 732 die Franken unter dem Kommando von Karl Martell die nach Gallien vorgestoßenen muslimischen Araber und stoppten deren Vormarsch im Westen. Karl wurde in der Folge – nach neuerer Forschung zu Unrecht, wie Wikipedia sagt – zum Retter des christlichen Abendlandes stilisiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Martell).

  3. Sehr spannend, sowohl der Vorgang der Bestimmung als auch die Eigenheiten dieser Ameisen und wie viele Überraschungen so ein Balkon-Mikrokosmos bereiten kann.

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